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Klaus Farin
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Lieber Herr Farin, ich schreibe gerade meine Bachelorarbeit zum Thema homosexualität in der Skinheadszene. Ihre Bücher sind dabei natürlich unungänglich. Die Forschungslage ist allerdings ziemlich dünn. Meine Frage an Sie wäre, ob Sie einen (Literatur)Tipp für mich hätten?

Offen gestanden ist mir zu dem Thema auch keine halbwegs aktuelle oder grundlegende ältere Literatur bekannt. Mag sein, dass sich etwas in der Bibliothek des Archiv der Jugendkulturen (bibliothek@jugendkulturen.de) findet. Da kann also noch wissenschaftlich Neuland betreten werden. :)

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Kann man dein Buch wirklich als "Fanbuch" bezeichnen, wie es zurzeit einige politisch motivierte Kritiker tun?

Das Buch eines Fans: nein. Das Buch auch für Fans: ja. Die Kritiker meinen natürlich damit, dass das Buch "unkritisch", "verharmlosend" und "einseitig" sei. Sie begründen ihre Kritik an der Band oft zugleich mit Zitaten und Beispielen, die sie meinem Buch entnommen haben. Sie behaupten, Kritisches käme nur am Rande vor, dabei gibt es alleine 16 komplette Seiten Interviews mit Frei.Wild-Kritikern im Buch und ich habe sämtliche Kritikpunkte dargestellt, die je öffentlich gegenüber Frei.Wild genannt wurden, u. a. auf 11 Seiten Philipps Skinhead/Kaiserjäger- und Freiheitlichen-Geschichte, darunter mit Material, das bisher nicht öffentlich bekannt war. Also viel subjektive Wahrnehmung. (Wobei es auch andere, sachlich vollkommen korrekte und dennoch sehr kritische Darstellungen gab.) Aber selbstverständlich ist das Buch auch ein Buch für Fans. Mit wem soll man denn z. B. kritische Aspekte einer Band diskutieren, wenn nicht in erster Linie mit deren Fans?

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Was denken Sie über den Song "Gutmenschen und Moralapostel"? Hier werden ja alte Wörter gebraucht, die zum einen auch von den rechten verwendet werden. Des weiteren wiedersprichz sich Philipp. Er sagte er spielte ihn nie Live und hat nichts gegen Gutmenschen. Live wurde er aber gespielt.

Marcel Enzmann

Ich hab das offen gestanden nicht verfolgt (die Ankündigung, den Song nicht zu spielen, und dann doch), fände den Song aber prinzipiell nicht schlecht, wenn 1. das Wort "Gutmenschen" gestrichen würde (dazu hab ich ja schon im Vorwort meines Buches Einiges geschrieben), und 2. die beiden Zeilen, die zu missverständlichen Interpretationen geradezu einladen: Nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen [Nach außen Saubermänner, können sie jeden Fehler sehen] Sind selbst die größten Kokser, die zu Kinderstricher gehen. Wenn man Philipps Erklärung glaubt, dass es nicht um die "Geschichte" des Nationalsozialismus geht und mit dem Kokser nicht Michel Friedman gemeint ist, dann sollte er diese Zeilen im eigenen Interesse ändern oder eben den Song wirklich nicht mehr live aufführen.

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Wie schaffst du es, die Anknüpfungspunkte von Nationalisten und Neonazis an Frei.Wild (völkischer Nationalismus, ausgrenzender Heimatbegriff, Machoismus, „Wir gegen die“-Konstruktion) mit deiner Vorstandsrolle bei SOR-SMC zu vereinbaren? Gruß Chaoze One.

Selbstverständlich können auch nationalistisch und rassistisch denkende Menschen bei Frei.Wild andocken. Einige ihrer Texte liefern dafür geeignete Steilvorlagen. Dennoch gibt es keine einzige rassistische Zeile in Frei.Wild-Songtexten und ihr Bestreben, sich von entsprechenden Ansichten abzusetzen und sich z. B. gegen Rassismus zu engagieren, ist ernsthaft. Frei.Wild steht beispielhaft für die Renaissance des Heimatbegriffs und für einen nicht ausgrenzenden Regionalpatriotismus.
Viele Jugendstudien, aber auch meine praktischen Erfahrungen mit Schulklassen, zeigen, dass Heimatliebe/„Patriotismus“ groß im Kommen sind. Viele Jugendliche beschreiben sich als patriotisch – auch an SOR-Schulen. „Ich fühle mich als Patriot“, schreibt der Schüler Amir in der aktuellen Ausgabe der SOR-Zeitung Q-Rage!. „Patriot zu sein bedeutet für mich, Vertreter einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft zu sein, zu der jeder gehört, der diese Werte teilt, unabhängig von Religion, Herkunft oder Geschlecht.“ Ältere Generationen haben damit aufgrund der deutschen Geschichte große Probleme. Das führt oft zur geradezu reflexhaften Abwehr, sobald die Haltung auftaucht, ohne zu fragen, ob Jugendliche unter „Patriotismus“ wirklich dasselbe verstehen wie frühere Generationen. Die Frage ist, wie definiert sich dieses „neue deutsche Wir“? Ist es inklusiv oder ausgrenzend? Ich finde, dieses Thema darf man nicht den Rechtsaußen überlassen.
Frei.Wild sind zwar konservativ, aber sie ziehen klare Grenzen gegenüber rassistischen Tendenzen. Eigentlich ist das ja schon eine Leistung, denn vom Konservatismus zur Ausgrenzung etwa von Migranten ist der Weg kurz. Da stimme ich zu. Patriotismus ist oft ein Vorwand für Rassismus. Dennoch gibt es Menschen, für die Heimatliebe/Patriotismus ein wichtiger Baustein ihrer persönlichen Identität ist und die keineswegs ausgrenzen wollen oder sich sogar antirassistisch, z. B. an Schulen ohne Rassismus, engagieren. Deshalb reicht es nicht mehr, dieses Thema zu ignorieren und in die rechte Ecke zu drängen. Weil man dann schnell einen self-fulfilling-Effekt auslöst: Ich bin Frei.Wild-Fan, die anderen sagen, damit bin ich rechts, gut, dann bin ich eben rechts. Frei.Wild bezieht hier klar Position und kann Leute erreichen, die anfällig für rassistische Tendenzen sind. Ihre Message lautet: Heimatliebe ist ok, aber Rassismus ist ein absolutes No-Go. Oder in den Worten von Philipp Burger: „Wenn wir etwas aus der Geschichte Südtirols gelernt haben, dann dies: Nie wieder Faschismus! Wir sind entsetzt, wenn wir gerade in diesen Wochen wieder hören und lesen müssen, dass in Deutschland Durchgeknallte Häuser anzünden, in denen Flüchtlinge leben sollen oder sogar schon Flüchtlingsfamilien mit Kindern leben. Wir hassen Rassismus und hegen keinerlei Sympathien für Neonazis und andere Rechtsextreme.“ – Gut, dann sollte man sie beim Wort nehmen und z. B. einladen, bei einem Konzert gegen Rassismus aufzutreten. Das wäre konstruktiver als sie auszugrenzen.

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War das Buch eine Auftragsarbeit? Für die Band?

Nein.

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Hast du eigentlich auch Familienmitglieder der Band kennengelernt?

Ja, einige zumindest. Wobei „kennengelernt“ vielleicht zu viel gesagt ist. Ich habe auch bewusst keine Interviews mit Familienangehörigen gemacht, weil ich denke, das ist privat, und akzeptiert habe, dass die Band selbst auch nicht ihre Frauen, Kinder, Eltern und Geschwister auf dem Präsentiertisch der Medien darbieten wollen.

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Wo liegen denn ihrer Meinung nach die Unterschiede zwischen den Onkelz und Frei.Wild?:)

Ich glaube, das würde den Rahmen hier sprengen. Sicher gibt es bedeutend mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten, wenn man ganz grob das Genre ("Deutschrock") und die ähnliche öffentliche Wahrnehmung (früher Nazis, heute getarnte Nazi-Grauzonler) außen vor lässt. Im Buch gibt's Einiges dazu, im kommenden E-Book sogar ein eigenes Kapitel und rund 20 Seiten Statements von Fans und vielen Deutschrock-Bands.

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Du hast mal gesagt, dass du vorher kein Frei.Wild gehört hast. Nachdem Du dich nun mit der Band beschäftigt hast, gehören sie nun zu deiner Playlist? :)

SirChaz

Nö. Also gehört habe ich sie natürlich auch früher schon mal aus Neugier und seitdem ich an dem Buch arbeite (2013) höre ich sie natürlich "zwangsläufig" viel und gestehe gerne, dass ich dabei auch nicht sehr leide. Auch die Konzerte (mindestens 4 in diesem Jahr) gefallen mir sehr. Aber wenn ich eine Auswahl für die einsame Insel treffen müsste, hätten sie gegen Johnny Cash, Bruce Springsteen und The Clash keine Chance :)

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Ich habe dir schon vor zwei Wochen eine Freundschaftsanfrage gestellt, aber immer noch keine Annahme. Warum nicht?

Ich bestätige keine Freundschaftsanfragen von Leuten, die Pegida, AfD, „Keine Asylanten in …“ und ähnlichen rassistischen Müll oder Nazi-Bands geliked haben. Kurz gesagt: Wer keine Chance hat, FWSC-Mitglied zu werden, kommt bei mir auch nicht auf die Seite. :)

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Ist es wirklich wahr, dass die Band vorher nicht wusste, was in dem Buch steht, erst nach Veröffentlichung?

Ja. Die vier haben jeweils natürlich die Textfassung ihrer eigenen Interviews vorab erhalten, das Buch haben sie erstmals in Hamburg gesehen, als ich ihnen zwei druckfrische Exemplare zum Konzert mitbrachte.

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Denkst du auch, dass die anti rassismus Sache und die Lieder gegen Rassismus nur PR sind? Ich nicht! Irgendwie klingt das sehr verzweifelt, weil die presse keinen Angriffspunkt mehr hat gegen die Band.

Nein, das denke ich nicht. Wenn Künstler sich öffentlich äußern, vor Publikum auf einer Bühne stehen, ist es immer auch ein Stück Inszenierung. Aber es ist Frei.Wild inhaltlich ernst damit, wenn sie sich gegen Rassismus positionieren.

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Warum, denken Sie, wird Frei. Wild dieses übermäßige Mißtrauen entgegen gebracht? Besonders was die angeblich rechten Tendenzen angeht.

Warum brauchen Menschen Feindbilder? Wobei: Misstrauen und kritische Fragen sind ja prinzipiell immer gut. Aber wer Fragen stellt, sollte auch bereit sein, die Antworten zu hören und seine Position zu überdenken. Alles andere ist Oberlehrergehabe: Ich stelle dir keine Frage, weil ich etwas wissen/lernen möchte, sondern weil ich wissen will, ob du die richtige – meine – Antwort kennst. Sowas braucht kein Mensch!

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Warst Du zuerst skeptisch bei Frei.Wild?

Kritisch. Bevor ich mich entschlossen habe, das Buch zu schreiben, habe ich erst einmal sehr gründlich recherchiert. Wäre das Ergebnis gewesen, dass Frei.Wild heute eine Rechtsrock-, Grauzone- oder rassistisch denkende Band ist, hätte ich es nicht gemacht. Das alles sind sie nicht. Dennoch sehe ich natürlich manches anders. Die vier Frei.Wildler sind sehr nette, ‘aber’ mehr oder weniger konservative Menschen – das bin ich definitiv nicht. Das hat die Arbeit an dem Buch aber auch spannend gemacht.

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Wo hat dann Thomas Kuban recherchiert, der zu einem gänzlich anderen Urteil kommt?

Thomas Kuban geht es meiner Einschätzung nach nicht um das Thema, sondern in erster Linie um die eigene Selbstdarstellung. Seine Frei.Wild-Äußerungen und seine Briefe an unzählige Ministerien, sie mögen doch bitte bitte Frei.Wild endlich indizieren, sind für mich eine reine PR-Show. Ich glaube ihm auch seine “Beobachtungen” nicht, wenn er z. B. suggeriert, 2014 sowohl beim Onkelz-Comeback am Hockenheimring als auch beim AlpenFlair gewesen zu sein und dabei überall Neonazis “entdeckt” zu haben (die Kuban gerne “Skinheads” nennt), die bei den Onkelz “eine U-Bahn bis nach Auschwitz” gröhlten, beim AlpenFlair den Anblick von Boateng und Özil während der dortigen WM-Liveübertragung nicht ertrugen: “Da siehst du die deutsche Nationalmannschaft, und dann sind da zwei dreckige Nigger und Kanacken vorne.” (Kontext vom 25.6.2014) Immer, wenn Kuban sie braucht, sind sie da, und zufällig gibt es keinen anderen Beobachter, der die Beobachtung bestätigen konnte. Nein, ich glaube, da ist jemand vor allem in eigener Sache unterwegs – und das finde ich bei einem Thema wie Rassismus/Rechtsextremismus extrem zynisch.

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Gab es, nach dem Bekannt wurde / nach Veröffentlichung des Buches, Geschäftspartner, Freunde, Bekannte etc. die den Kontakt abgebrochen bzw. die Geschäftsbeziehung beendet haben, weil du über Frei.Wild (also nicht nur für FW, ich weiß) ein Buch verfasst hast?

Nein. Ein Dutzend weniger Facebook-Freunde, ein paar wütende Abbestellungen unseres Verlags-Newsletters. Keiner von denen hatte allerdings das Buch gelesen.

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War das schwierig, Frei.Wild zu überreden, mit Ihnen zusammenzuarbeiten?

Im Gegenteil: Sie haben selbst vor rund zehn Jahren schon einmal bei mir angefragt, ob ich nicht ein Buch über sie schreiben möchte. Philipp kannte meine Bücher über Skinheads und natürlich meine Onkelz-Biographie „Buch der Erinnerungen. Die Fans der Böhsen Onkelz“. Ich war selbst einmal in dem Jugendklub, in dem er seine Jugend verbracht hat und Frei.Wild ihr erstes Album aufgenommen haben, und hab im Stockwerk darüber eine Fortbildung zu Jugendkulturen für Südtiroler Jugendarbeiter_innen gehalten. Da wurde natürlich auch schon über die neue Band diskutiert … Damals war meine Antwort allerdings nein. Einmal, weil ich generell keine Auftragsarbeiten übernehme, zum anderen, weil das Thema damals nicht wirklich relevant war. Niemand hier kannte Frei.Wild. Anfang 2013 hatte sich das geändert und ich habe Philipp und Stefan Harder gemailt, dass ich interessiert wäre, ein Buch über Frei.Wild zu schreiben, aber nur unter der Bedingung, dass ich von ihnen alle Infos bekomme, die ich brauche, sie aber das Buch nicht vorab zu sehen bekommen würden. Das heißt, sie mussten mir schlicht vertrauen. Nach mehreren Treffen, erst nur mit Philipp und Stefan in Berlin, dann mit der gesamten Band in Brixen, kam dann die Zusage und ich konnte noch 2013 beginnen. Und ich muss heute sagen: Die Zusammenarbeit war wirklich hervorragend. Frei.Wild hat alle Absprachen eingehalten, vor allem Philipp hat sehr offen auch über seine Geschichte geredet und mir sogar für ihn sehr ‚unvorteilhaftes‘ Material zur Verfügung gestellt, sie haben mich nie unter Druck gesetzt, das Buch vorab ‚zensieren‘ zu dürfen. Letztlich hat mich das auch von ihrer Ernsthaftigkeit überzeugt, sich von der rechten Szene und entsprechendem Gedankengut abzugrenzen.

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Welche Musik hörst du eigentlich privat?

Johnny Cash, Bruce Springsteen, The Clash, Bob Dylan andauernd; Böhse Onkelz, The Stattmatratzen, Leonard Cohen, Rod Stewart, Joe Cocker, Manfred Maurenbrecher, Mink Deville, The Slackers, Deep Purple, Steve Harley & Cockney Rebel und viele mehr häufig.

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Wie bist du dann auf die Idee gekommen, ein Buch über die Band zu verfassen?

Als politischer Autor interessieren mich vor allem gesellschaftliche Mythen, Vorurteile, Feindbilder, Ungleichwertigkeitsideologien und das große Thema Meinungsfreiheit. Also wenn „die Gesellschaft“ ihre eigenen Fehler und Schwächen an Minderheiten abarbeitet. So habe ich zum Beispiel Anfang der 90er Jahre begonnen, intensiver über die Skinheadszene zu arbeiten, als diese quasi zum Sündenbock für die Rassismus- und Gewaltwelle in Deutschland wurde. Solange dieser kollektive Blackout nur Bildzeitungsleser betrifft, interessiert mich das Thema noch nicht sehr, da erwarte ich sowas ja, aber wenn dieser Virus sogar gebildete linke und liberale, sich als kritisch empfindende Menschen oder solche, bei denen man schon von ihrem Beruf her eine gewisse Medienkompetenz und Reflexionsfähigkeit erwarten könnte (Politiker_innen, Lehrer_innen, Journalist_innen, politische Bildner_innen etc.), befällt, ärgere ich mich darüber, und wenn sich das dann sogar in meinem persönlichen Umfeld ausbreitet, habe ich gelegentlich das Bedürfnis, mit einem Buch zurückzuschlagen. Als Optimist glaube ich immer noch daran, dass Bildung und differenzierte Informationen etwas bewegen können – zumindest bei denjenigen, die noch nicht vollkommen bildungsresistent geworden sind.

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Bist du eigentlich selbst Frei.Wild-Fan, Klaus Farin?

Nein.

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