Von wem oder was hast du dich zuletzt verstanden gefühlt?

freak on a quiche
Zuerst dachte ich: Ich habe keine Ahnung. Es muss ewig lange her sein, dass ich mich von einer Person verstanden gefühlt habe. Von Büchern, Texten, Liedern fühle ich mich häufiger verstanden und sei es nur in einem einzigen Satz. Das sind jedoch Dinge, die in meiner Erinnerung irgendwie verschwimmen, ich kann es nicht richtig erklären - es geht alles mit der Zeit in ein anderes Gefühl über, in tiefe Zuneigung und Verbundenheit zu dem Werk, aber das Verstandenwerden, ja, vergesse ich dabei. Jedenfalls dachte ich: Da muss doch noch etwas sein, irgendetwas in nicht allzu ferner Vergangenheit. Und ja, da fiel mir etwas ein. Etwas sehr Triviales, sodass es eigentlich nicht gewertet werden darf. Die Sache ist nämlich die: Ich hasse eingebackenes Obst in Kuchen oder Torten. Oder überhaupt Gebäck. Frisches Obst, das nach dem Backen daraufgelegt wird, ist absolut super, aber eingebackenes, matschig gewordenes Obst, das seine Flüssigkeit an den Teig durmherum abgab? Igitt. Nach all den Jahren des schräg angesehen werdens und kopfschüttelns ist es dann vor ein paar Monaten soweit gewesen: Jemand stimmte mir zu, er fühlte das Gleiche und ich war total baff. Tatsächlich fühlte ich so etwas wie Erleichterung. Nun, natürlich ist Kuchen eine sehr wichtige Angelegenheit und vor allem sollte man stets Kuchenverbündete haben aber ich wollte dann doch etwas tiefer graben, mich an die Momente erinnern, in denen ich eben wirklich in einer ernsten, intensiven, bedeutsamen Angelegenheit das Gefühl des Verständnisses von meinem Gegenüber bekam - einem Menschen, einem Freund, keinem Werk eines Fremden. Die Erinnerung bleibt aus. Und dann fragte ich mich: Wann musste ich überhaupt zuletzt verstanden werden? Die Antwort ist, dass auch dies schon ewig lange her ist. Ich habe mich daran gewöhnt, niemanden zu haben, dem ich mich mitteilen kann. Ich habe gelernt, das mit mir selbst auszumachen, mit den Liedern, die ich höre, und den Büchern, die ich lese. Das warme Gefühl, dass jemand schützend die Hände über einen legt, einem den Rücken stärkt, mit einem eine Front aufbaut, um einen schwierigen Tag zu überleben - dieses Gefühl bekomme ich von keinem Menschen. Dieses Gefühl baue ich mir mit Büchern und Musik auf. Seit Ewigkeiten. Und wenn ich Verständnis brauche, finde ich es darin. Es ist so einfach, man muss sich nicht erklären, nur sich selbst verstehen und wenn es dort noch Probleme gibt, so geben die Bücher und Lieder einem darüber irgendwann Aufschluss, ohne, dass man es darauf angelegt hat. Natürlich wird längst nicht jede Frage beantwortet, das ist unmöglich. Aber das Wichtigste ist: Es genügt mir vollkommen, das Gefühl des Verstandenwerdens nur als kleinen Schatten zu kennen. Es genügt mir, nicht wirklich benennen zu können, wodurch und wobei ich mich zuletzt Verstanden gefühlt habe, weil ich das Gefühl wahrscheinlich ständig in mir trage. Weil die Bücher und Lieder immer da sind, um mich zu beschützen und zu verstehen.

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