Der 6. Teil des kafkASKen Romans SOKRATES kommt... Es gibt eine seltsame Begegnung im Polizeipräsidium. Aber das wird nicht die seltsamste Begegnung sein. Bald fallen die Masken wie vertrocknete Zwiebelschalen. Aber was verbirgt sich darunter? Ab Teil 7 werden die Anregungen eingebaut :)

Uri Bülbül
Teil 6:
...schlug die Hacken zusammen und ließ den ausgestreckten Arm mit der Flachen nach unten gekehrten Handinnenfläche in den Himmel schießen zu dem entschlossensten Hitlergruß der letzten Jahrzehnte: «Sieg! Heil!» Genau in diesem Moment lugte der Staatsanwalt durch die Tür. Sie, die ihn bemerkte lief puterrot an und ließ ihren Arm peinlich berührt sinken. Ein Kloß saß plötzlich in ihrem Hals. Leopold Lauster entschied sich, so zu tun, als habe er nichts gesehen. «Ich suche AZ317! Warum ist die Akte nicht auf meinem Tisch?» «Ich wollte noch ein paar Fotos einfügen, Herr Staatsanwalt», sagte er und fischte mit einem Griff die gesuchte Akte aus dem Stapel auf seinem Tisch heraus. «Und? Haben Sie die Fotos eingefügt?» Er nickte. Beim Verlassen des Raumes vermied der Staatsanwalt den Blickkontakt mit ihr. «Ihr Kollege grinste. Ja, mit dieser Einstellung wirst du es bestimmt weit bringen. Mach einfach weiter so!» «Ich werde jetzt meinen Bericht schreiben. Und dann gehe ich nach Hause. Ich habe für heute die Schnauze voll von dir und deinen komischen Alleingängen. Du weißt, dass du es übertrieben hast mit dem Typen. Du hast nicht nach unseren Anweisungen gehandelt. Aber du kannst es einfach nicht zugeben, und lassen kannst du deine Übergriffe auch nicht!» «Schreib einfach deinen Bericht, und wir werden es dann sehen! Du bist keine drei Jahre von der Polizeiakademie und willst mir schon erklären, wie ich meine Arbeit zu tun habe? Schreib einfach deinen Bericht und quatsch mich nicht blöde zu!» Mit diesen Worten verließ er das Büro, ohne zu sagen, wohin er ging. Sie nahm hinter ihrem Computer Platz und schaltete ihn ein. Das Passwortfenster erschien, aber sie sah reglos und gedankenverloren durch den Bildschirm hindurch in die Ferne.
Ein Baum von Kerl in blauer Hose und blauem Kittel betrat behäbig das Untersuchungszimmer. Er setzte sich direkt vor den Patienten auf einen Hocker und brummte ein «Lassen Sie mal sehen!» Vorsichtig fasste er die Nase an, die angeschwollen war, doch keine Vorsicht der Welt konnte den Schmerz vermeiden, der den Patienten aufschreien ließ. «Ja, ja, gebrochen, das Näschen. Wohl gegen eine Laterne gelaufen, was? Und das mit einem ordentlichen Tempo.» Er wollte widersprechen; zog es aber dann doch vor zu schweigen. Dann sollte die Laterne eben die offizielle Version werden. Was machte das für einen Unterschied? Er konnte sowieso nirgends sein Recht einklagen. «Ja, wir tamponieren die Nase und schauen mal in ein paar Tagen, was daraus geworden ist.» Dann leuchtete der Baum mit Wiener Akzent ihm noch in die Augen, prüfte die Pupillenreflexe und ließ ihn mit den Augen, seinem drohend in die Luft gestreckten Zeigefinger folgen. Mit erstaunlich kräftigen Fingern umfasste er noch die Schädeldecke des Patienten und drehte den Kopf nach rechts und links. «Ich glaube, wir müssen Sie nicht hier behalten! Wenn wir die Nase bearbeitet haben, können Sie von mir aus nach Hause. Oder möchten Sie lieber ein paar Tage bei uns bleiben?»

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