Es wird Zeit für die 9. Folge von SOKRATES dem kafkASKen Fortsetzungsroman. Die bisherigen Folgen kann man hier übersichtlich nachlesen und kommentieren: https://docs.google.com/document/d/1O_cvvRp7qIerpzTciSZn3vyfhoTfmjkJIdMeghAcPQs/edit?usp=sharing

Uri Bülbül
...mit dem Kopf gegen die Tür gefallen, wobei die Türklinke Ihnen die Verletzung an der Nase zufügte.» «Ja, und ich war allein zu Hause!» «Sie können meinetwegen auch mit einer Fußballmannschaft geduscht haben; dann müssen Sie eben die Zeugen herbei bringen!» «Ich sagte ja, ich war allein zu Hause.» Als Belohnung für so viel Einsicht erhielt er die Schmerztabletten aus dem Arzneischrank.
Kaum aber stand er auf der Straße, fragte er sich, ob er richtig gehandelt hatte. Man musste nicht so ängstlich sein! Gerade Angst war doch kein guter Ratgeber. Apropos guter Ratgeber; Ayleen war auch keine große Hilfe gewesen; kaum hatte sie ihm den Weg in ein Irrenhaus beschrieben, machte sie sich einfach aus dem Staub. Keine Lust zu warten, er sei ja in sicheren Händen! Ja, das sah man jetzt, wie sicher die Hände in der Ambulanz waren. Womöglich hatte ihn diese Falschaussage in weitere unabsehbare Schwierigkeiten gebracht, die vermeidbar gewesen wären, wenn er nur eine gute Rechtsberatung an seiner Seite gehabt hätte. Wer weiß, was ihm dieser Doktor Laienjurist für einen Mist eingebrockt hatte? Er schnaufte schwer durch den halb offenen Mund. Ein Unschuldiger wird von der Polizei mißhandelt und gibt es später nicht an, bringt es nicht zur Anzeige! Machte ihn nicht gerade das zu einem Verdächtigen? Was hatte er zu verbergen? Warum konnte er nicht sagen, dass zwei Kriminalbeamte in seine Wohnung eingedrungen und ihn zusammen geschlagen hatten? Jetzt war es zu spät; jetzt musste er sich auf sein Glück verlassen, das ihn allerdings verlassen zu haben schien. Er setzte sich in seinen alten Benz der E-Klasse mit Automatik-Getriebe und einem Sechszylinder-Motor. Aber er startete nicht. Er blieb einfach sitzen. Mißtrauisch schaute er in den Rückspiegel, in die Seitenspiegel, nach vorne, nach Links und nach Rechts. Nein, ich werde jetzt nicht nach Hause fahren, sagte er sich. Erst will ich ein Sicherheitsschloss an meiner Tür, damit ich mich besser verriegeln kann. Noch einmal lasse ich mich nicht unter der Dusche überraschen. Damit startete er den Wagen. Entschlossen fuhr er los, obwohl er nicht hätte sagen können, wie sein Entschluss genau lautete. Wenige Minuten später war er im Zentrum in einem Schlüsselfachgeschäft. Eine dicke ältere Frau versuchte ihn abzuschätzen, während er ihr sein Leid klagte, wie leicht man in seine Wohnung gekommen sei. Die Leichtigkeit, eine Tür zu öffnen, die nicht verschlossen, sondern nur zugezogen war, war nicht ihr Problem. Der Mann vor ihr hatte nicht nur eine schlimm aussehende verletzte Nase und große Probleme mit der Atmung beim Sprechen, er schien auch auf eine komische Art gehetzt. Solche Typen bringen unabsehbaren Ärger, schoss es ihr durch den Kopf. Er erzählte von seinem Anliegen nicht freimütig und ungezwungen, sondern eben wie einer, der etwas zu verbergen hatte. Er achtete auf seine Wortwahl und schien manchmal einen Teil des Satzes zu verschlucken, was das Gespräch der Wahrheit zu nahe bringen konnte.

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