SOKRATES - der kafkASKe Fortsetzungsroman: Bleiben wir in der 16. Folge ruhig noch ein bißchen bei Uri Nachtigall, diesem komischen Vogel mit der gebrochenen Nase. Hält er sich etwa für Sokrates? Dann ist er auf jeden Fall bei @DoctorParranoia richtig. Willkommen im Irrenhaus :)

Uri Bülbül
Er verlangsamte nach etwa tausend Metern bereits wieder seine Fahrt. Seine Augen tränten und erschwerten ihm die Sicht, die ohnehin schon durch seine leichte Kurzsichtigkeit in Kombination mit Müdigkeit oder anderen Störfaktoren beeinträchtigt war. Aber er musste noch weitere 1500 m vor sich hin schleichen, bis er endlich den kleinen Weg auf der linken Seite erblickte. Ihm war, als würde er verfolgt. Aber im Rückspiegel war niemand zu sehen. Der Mercedes bog in den ungeteerten Waldweg ein; unter den Reifen knirschten die Kiesel. Der Wald war tief finster, und der Wer zog sich hin. Er schaltete die Scheinwerfer ein und kam sich dennoch verloren vor. Etwa wie Hänsel nur ohne Gretel. Er fühlte sich einsam, versuchte aber darüber zu lachen, indem er sich sagte: «Brauchst du ein Schwesterchen zum Händchenhalten?» Apropos Händchenhalten – Ayleen hatte ihn hier her geschickt. Sie hätte ihn besser zu Doctor Parranioa begleiten sollen anstatt in die dämliche Ambulanz. Aber seit sie geheiratet hatte, war mit ihr nicht mehr viel anzufangen. Kurz erschrak er und wurde aus seinen Gedanken gerissen, weil er einen Schatten über den Weg huschen gesehen zu haben glaubte. Vielleicht ein Tier? Erst wurde er etwas langsamer. Aber dann beschleunigte er lieber. Wollte denn der Weg gar kein Ende nehmen? So richtig schnell konnte man hier nicht fahren, und er wollte bestimmt nicht noch einmal im Graben stecken bleiben. Der Weg stieg kaum merklich an und wurde kurviger. Im Rückspiegel wie vor ihm Wald und Abenddämmerung. Er musste wieder drosseln. Eine starke Rechtskurve und dann eine lange Gerade und vor ihm spärlich beleuchtet ein Gebäude von imposanten Ausmaßen, ein Herrensitz, eine Villa ohne Schnörkel hinter einer Gartenmauer ein umgrenztes Gelände und vor ihm ein offenes Tor mit zwei Sphinxen links und rechts. Ohne zu zögern fuhr er durch das Tor und ließ sich den Gedanken durch den Kopf schießen, dass die Sphinxe wohl beim Verlassen des Gartens dem Besucher in den Rücken sozusagen mit der entscheidenden Frage fielen; ihm ein Rätsel stellten, wenn er längst nicht mehr damit rechnete und glaubte, mit heiler Haut davon kommen zu können. Aber was soll's? Es war für ihn zu spät.
Er war nun im Garten und rechts neben der Villa etwa fünfzig Schritte entfernt sah er ein Gesindehaus, das romantisch und freundlich aus seinen Fenstern leuchtete. Links führte der Weg in einer großzügigen Kurve vor den Haupteingang der Villa und rechts deutlich schmaler bemessen vor das kleine Nebenhaus, wovor der Kleinwagen der unheimlichen Begegnung von vor wenigen Minuten parkte. «Oh meine Güte, ich werde ihr hier wieder begegnen. Das kann ja heiter werden!» sprach er laut zu sich selbst, um durch eine menschliche Stimme, und sei es seine eigene, sich zu beruhigen. Aber der Klang den er zu hören bekam, war alles andere als beruhigend. Er stellte den Ganghebel seines Automatikgetriebes auf «P» und den Motor ab.

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