Spaß beiseite! Jetzt kommt die 19. Folge des kafkASKen Fortsetzungsroman SOKRATES... Willkommen im Irrenhaus, kleine Nachtigall - na dann lass dich mal auf den Wahn ein!

Uri Bülbül
Ihre Blicke durchbohrten ihn, als er nach Fassung rang. «Aber ich bin kein Patient» brachte er endlich heraus. Sie wandte sich gleichgültig von ihm ab und verließ den Raum.
Das Gemälde aus dem Entrée ließ ihn nicht los. Darauf war eine junge Frau in brauner Erden- und Felsenlandschaft abgebildet. Sie saß auf einem Stein in einem weißen Kleid, das ihre Beine ab den Knien frei gab, sie hatte lange rotblonde Haare, die wie im Winde zu wehen schienen, ihr Blick vom Betrachter weg auf den Himmel gerichtet, woher ein breiter Lichtstrahl die sonst eher erdige Szenerie erhellte. Mit dem linken Arm, den sie in Richtung der Lichtquelle streckte, schien sie das Licht zu sich herab rufen zu wollen, während ihre rechte Hand sich an ihre Brust beugte. Eine Schönheit, die mit den ihr eigenen Problemen beschäftigt war, barfüßig auf dem felsigen Boden mit Lilien im Schoß. Er kannte sie aus der Kunstgeschichte und die dargestellte Frauenfigur aus der griechischen Mythologie: Es war die Göttin der Unterwelt, des Totenreiches, die wunderschöne Kore, später bekannt geworden unter dem Namen Persephone. Sie auf dem Gemälde im Eingangssaal des Irrenhauses zu treffen, wühlte ihn auf. Was hatte das zu bedeuten? Kore war eine Tochter des Zeus, der sich in sie verliebte und in der Gestalt einer Schlange in sie kroch. Musste man Sigmund Freud sein, um diesen Mythos zu interpretieren? Das arme Mädchen durch die Inzucht vergiftet, wurde, als der Gott der Unterwelt sich in sie verliebte und Zeus um ihre Hand bat, widerspruchslos dem Totenkönig überlassen. Zeus stimmte der Sage nach weder zu noch lehnte er ab. Und Hades deutete das als Zustimmung und entführte das Mädchen in sein Reich. Doch Kores Mutter ließ dies nicht tatenlos geschehen und kämpfte um ihre Tochter, so dass am Ende ein Kompromiss stand: Nur die Hälfte des Jahres musste Kore als Persephone in der Unterwelt leben, die andere Hälfte durfte sie auf die Erde, zum Sonnenschein, zum lichten Leben.
Das Feuer im Kamin krachte; er drehte sich lächelnd danach um. In der Tat war es hier sehr gemütlich. Und wahrscheinlich saß jetzt Zodiac auch an seinem Kaminfeuer. Vielleicht las er sogar PHAIDON, den berühmten Dialog des zum Tode verurteilten Sokrates, worin er begründete, dass Unrecht erleiden besser sei als Unrecht zu tun. Das Ganze fußte auf der Annahme der Unsterblichkeit der Seele. Uri sah sich das Bücherregal näher an: Nietzsches Werke waren dort ebenso zu finden, wie Schopenhauer, Hegel, Sigmund Freud («das passt ja wunderbar ins Wartezimmer eines Irrenhauses», dachte er), C.G. Jung, Karl Bühler mit seiner Sprachtheorie, Ludwig Wittgenstein mit seinem Tractatus logico philosophicus und seinen Philosophischen Untersuchungen. Er sah soviel Theoretisches und keine Unterhaltungsliteratur. Plötzlich erregte ein Buch seine besondere Aufmerksamkeit: Paradieseologie. Auf dem Buchrücken stand nur dieser Titel, so dass er das Buch aus dem Regal ziehen musste, um den Autor zu erfahren. Dabei war sein Staunen groß:...

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