Zwei Folgen SOKRATES fast hinter einander - das gab es auch noch nicht. Aber wenn ich die Schlagfrequenz erhöhen will, ist das eine konsequente Notwendigkeit... Verkörpert Schwester Lapidaria wirklich das Böse? Sitzt die Nachtigall nun in der Falle?

Uri Bülbül
Uri Nachtigall war als Autor angegeben. Hatte er tatsächlich einen Namensvetter? Schließlich war klar, dass er dieses Buch unmöglich selbst geschrieben haben konnte. Daran würde er sich erinnern. Ab und an vergaß er kleinere Artikel und Beiträge in Zeitschriften, die er verfasst hatte. Aber ein ganzes Buch und dann auch noch mit einem derart ungewöhnlichen Titel? Nein, so etwas würde er sicher nicht vergessen. Sich über den angenommenen Zufall wundernd schlug er das Buch auf und stieß ein «Das gibt es doch nicht!» aus.
«Na, schon fündig geworden?» Schwester Lapidaria war unbemerkt zurück gekommen und hielt ein Tablett mit zwei Teetassen darauf in der Hand. «Komm, lass uns ein Teechen trinken und uns unterhalten. Dafür bist du doch hier, oder?» Mit weit aufgerissenem Mund streckte er ihr das Buch entgegen, was sie nicht bemerkte. Sie steuerte zielsicher mit dem Tablett den kleinen Beistelltisch am Kamin an. Ohne auf ihn zu warten setzte sie sich in einen der ledernen Ohrensessel und begann ihren Tee zu schlürfen. Er glaubte, Earl Grey zu riechen, als er im Sessel ihr gegenüber Platz nahm. Er hielt das Buch noch immer in der Hand. Sie sah ihn mit großen Augen und gespielter Aufmerksamkeit an, klimperte mit den Wimpern und schien zu warten, was ihn eher verunsicherte, als zum Reden animierte. Sie blieb stumm und wandte ihre Augen nicht von ihm ab. Die Wanduhr schlug acht. Er ließ es schweigend geschehen, als müsste er sie ausreden lassen. Willkommene Gelegenheit zum Zeitgewinn. Schwester Lapidaria aber blieb hartnäckig. «Also, also, ich wollte...», stotterte er, es war besser als gar kein Anfang, «eigentlich wollte ich Doctor Parranoia sprechen, und da habe ich im Regal ein Buch gefunden...» «Der Doktor ist um diese Zeit nicht mehr zu sprechen», antwortete sie kurz angebunden, aber nicht unbedingt unfreundlich. Ihn beschäftigte im Moment dieses Buch in seiner Hand mehr als alles andere: «Der Titel stach mir ins Auge. „Paradieseologie“.» Sie wandte noch immer ihren Blick nicht ab von ihm und klimperte ab und an mit den Wimpern. Er nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Tasse. Sie hatte ihm Hagebuttentee zugedacht. Als sie ihn trinken sah, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht wie der Schatten eines Adlers über seine Beute. «Ein ziemlich ungewöhnlicher Titel, wie ich finde», sagte er. «Ja, ein Kunstwort. Wahrscheinlich eine Eigenschöpfung des Autors, um sich wichtig zu machen.» Er nahm einen weiteren kräftigen Schluck Hagebuttentee; es war behaglich am Kaminfeuer, so dass er sich zu entspannen begann. «Schauen Sie, liebe Schwester Lapidaria, als Autor steht mein Name auf dem Buchdeckel.» Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig, was sein Blut in seinen Adern schockgefrieren ließ. «Wie bitte? Wie hast du mich gerade genannt?» «Ich... ich meine, Zodiac vom Gesindehaus, er...»

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