SOKRATES: Die 22. Folge des kafkASKen Romans zwingt uns zu einem Rückblick auf die siebte Folge mit Nilam und Eike... http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/109876599737 Was haben die beiden mit Johanna Metzger und Alfred Ross, den beiden Kommissaren zu tun? Also weiter mit Johanna Metzger.

Uri Bülbül
Es war höchste Zeit, Feierabend zu machen. Johanna Metzger schickte ihren Bericht des Tages an den Staatsanwalt ab und beeilte sich nun, ihren Kram zusammen zu packen. Sie wollte aus dem Präsidium verschwunden sein, bevor ihr Kollege Hauptkommissar Alfred Ross auftauchte. Sie hatte ihrer Schwester, mit der sie zusammen wohnte, versprochen, heute gemeinsam zu Abend zu essen. Es war vor etwa zwei Jahren gewesen, als sie einige Wochen nachdem sie die Polizeiakademie erfolgreich absolviert und ihren Dienst angetreten hatte, müde, ja völlig erschöpft und ausgelaugt nach Hause kam und im Treppenhaus ihre Schwester vor ihrer Tür sitzend antraf. Sie rief erstaunt ihren Namen aus: «Luisa!» Und sie antwortete: «Ich gehe nicht mehr zurück, Johanna. Ich gehe nicht mehr zurück nach Hause!» Verständnisvoll umarmten sich die beiden Frauen. «Du kannst bei mir wohnen. Meine Wohnung ist groß genug für uns beide. Und Geld verdiene ich auch», sagte sie während sie ihren Schlüssel ins Schloss steckte. Luisa hatte lediglich in einer Sporttasche ihre Schulsachen mitgenommen, da sie so unauffällig wie nur möglich das Haus verlassen wollte. Jetzt hatte sie es geschafft. Sie fühlte sich bei ihrer Schwester in Sicherheit.
In der Wohnung bekam Luisa erst einmal eine Heulkrampf. Johanna nahm sie herzlich in den Arm und hielt den Krampf durchrüttelten Körper weich und elastisch fest. Je geborgener sich Luisa fühlte, desto mehr musste sie weinen. Irgendwann zwischen zwei Schluchzern stieß sie eine Frage heraus: «Hat er das... hat er das mit dir auch gemacht?» Johanna streichelte Luisas Kopf und sagte nur «Pschsch...» Johanna fühlte Wut, Schmerz, Verzweiflung, und darüber noch mehr Wut; aber irgend etwas sagte in ihr auch, sie müsse ruhig und gelassen bleiben. Nicht einfach nur um diese Gefühle zu unterdrücken, sondern um den rechten Augenblick für die wohl verdiente Rache abzuwarten. Erst einmal musste sie Luisas Leben neu und schön einrichten. Nichts war im Moment wichtiger als das.
Am nächsten Tag nahm sich Johanna von der Arbeit frei, sie müsse etwas Dringendes für ihre Schwester erledigen, sie zöge nun plötzlich zu ihr. Die Dienstleitung hatte keine Einwände. Luisa fragte sie nach dem Wohnungsschlüssel der Eltern. «Was hast du vor?» fragte ihre kleine Schwester ängstlich. Johanna war ruhig und entschlossen; ihre Blicke sehr ernst und konzentriert. «Ich möchte deine Sachen hier her holen. Du ziehst zu mir und brauchst deine persönlichen Dinge. Und neue Klamotten holen wir dir auch; am Wochenende gehen wir gemeinsam shoppen. Ich könnte auch ein paar neue Blusen und Pulis gebrauchen.» Luisa schmunzelte: «Das wäre schön», sagte sie, «aber...» «Kein Aber! So machen wir das einfach, Schwesterchen. Willkommen in deinem neuen Zuhause!»
Damit nahm Johanna die Schlüssel ihrer Schwester und verließ die Wohnung.

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