SOKRATES -Der kafkASKe Fortsetzungsroman Folge 23... Wir müssen @point_man weiter auf die Folter spannen; während womöglich Uri Nachtigalls klägliches Ende naht, folgen wir in einer Rückblende in Johanna Metzgers Vergangenheit...

Uri Bülbül
Es war vor mehr als zwei Jahren gewesen. Aber Johanna erinnerte sich daran, als läge das Ganze gerade mal eine Minute zurück. Nein, noch besser: als läge es überhaupt nicht zurück. Irgendetwas aus der Vergangenheit reichte direkt und unmittelbar in ihre Gegenwart hinein und flüsterte ihr ins Ohr: Mit mir gibt es keine Zukunft. Du hast keine Zukunft, du hast nur mich! Es leckte an ihrem Ohr und hauchte mit einem widerlich stinkenden Atem immer wieder diesen einen Satz ins Ohr, und klar war, dass Johanna keine Zukunft hatte.
Auf gar keinen Fall sollte es ihrer Schwester Luisa auch so gehen. Dann stand sie vor der Wohnung ihrer Eltern. Sie hatte einen unsagbar heftigen Druck auf dem Magen. Ihr Körper rebellierte. Ihr wurde schwarz vor Augen, aber Johanna gab nicht nach. Sie steckte den Schlüssel ihrer Schwester ins Schloss. Die Wohnung musste um diese Zeit leer sein. Ihre Mutter war Besorgungen machen oder in ihrer ergotherapeutischen Praxis und ihr Vater auf irgend einer Baustelle weit weg auf Montage.
Franz-Joseph Metzger war von Beruf Betonsmischmeister und goss Land auf Land ab auf allen möglichen Baustellen Betonsäulen, Betonplatten, Betontürme. Er war bereits 68 Jahre alt, ein Mann von kräftiger Statur und mit strengen blaugrünen Augen. Mehr als ein kleines Schmunzeln konnte man ihm niemals entlocken. Ein raubeiniger Brummer, bei dem man hinter der harten Schale einen weichen Kern zu vermuten allzu schnell bereit war. Ein Einzelgänger, der seine Freizeit am liebsten zu Hause im Hobbykeller verbrachte, irgendetwas bastelte, klebte, sägte oder bohrte. Er verbrachte auch viel Zeit mit seinen beiden Töchtern. Je älter sie allerdings wurden, desto seltsamer wurden seine Spiele mit ihnen.
Und als sie keine «Lust mehr auf Spiele hatte », begann das Spiel erst recht. Johanna schauderte es bei dem Gedanken. Der Versuch, mit der Mutter zu reden, erstickte schnell im Keim: «Ach komm, mach Papa doch die Freude, wenn er es so gerne hat.» Wusste sie überhaupt, wovon sie sprach? Im Nachhinein kamen Johanna berechtigte Zweifel, aber sie verzieh ihrer Mutter diese Ignoranz niemals. Aber sie sprachen auch nicht mehr darüber – genau genommen sprachen sie überhaupt nicht mehr miteinander, seit sie die Polizeilaufbahn einschlug. «Ich verstehe meine Tochter nicht», war das letzte und höchste der Gefühle, was sie von ihrer Mutter vernahm, wo doch die wunderbare Ergotherapeutin für jeden und alles Verständnis aufbringen konnte, eben nur nicht für Johanna. So erstarb die Kommunikation und flammte auch nicht wieder auf.
Als sie an jenem Tag mit Luisas Schlüssel die elterliche Wohnung betrat und einen furchtbaren Krampf in der Magengrube verspürte, war die Mutter nicht zu Hause. Eigentlich sollte auch ihr Vater nicht zu Hause sein. Er aber – er war da.

View more