Auch in der 24. Folge von SOKRATES wird der sprechende Delphin noch nicht zu lesen sein; er begegnet uns in einem anderen Zusammenhang. Wir haben ja die Geschichte der jungen Kommissarin noch nicht zu Ende erzählt. Etwas in ihrer jungen Vergangenheit ist im Dunkeln.

Uri Bülbül
Sie nahm ihn zunächst nicht wahr, weil sie ohne sich umzuschauen, direkt das Zimmer ihrer Schwester ansteuerte. Sie versuchte sich dort so schnell wie möglich einen Überblick zu verschaffen. Zwei Umzugskartons hatte sie schon dabei und vier weitere im Auto. Das musste genügen; mehr konnte sie mit ihrem Auto ohnehin nicht transportieren.
In diese Planung vertieft bemerkte sie nicht, wie ein großer dunkler Schatten im Türrahmen erschien.
Sie kämpfte mit den Kartons, versuchte sie nach einer schwer verständlichen Anleitung, die auf die vorperforierten Schachtelwände gezeichnet war, zusammen zu stecken und ihnen eine tragfähige Stabilität zu verleihen, als er seine Stimme vernehmen ließ und schmunzelnd ihr Zusammenzucken und Zittern genoss: «Hallo meine süße Tochter. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Was führt uns zu dieser Ehre? Ich freue mich, dass du wieder hier bist.»
«Ich will Luisas Sachen abholen. Sie zieht zu mir und fertig.»
«Luisa das Trampelchen. Sie ist ungeschickt und ungeschliffen. So unerfahren! Na ja. Ich bin jedenfalls froh, dass du wieder da bist.»
«Ich bin nicht „wieder da“! Ich bin gleich wieder weg. Ich will nur Luisas Sachen abholen.»
«Ja, das sagtest du bereits. Aber ein halbes Stündchen Zeit für deinen alten Herrn und Meister wirst du ja wohl noch haben, nicht wahr?» Er trat aus dem Türrahmen ins Zimmer ein und schloss hinter sich langsam die Tür zu.
«Komm mir nicht zu nahe», bebte ihre Stimme. Er lächelte sie gütig und zärtlich an: «Gut siehst du aus – sehr gut. Es scheint dir bei der Polizei zu gefallen. Trägst du auch manchmal Uniform?»
«Ich bin bei der Kriminalpolizei», antwortete sie, während eiskalte Schauer ihr den Rücken herunter liefen. Er berührte sie. «Nicht Eike, wenn jetzt die Mama herein kommt, Eike bitte nicht!» stieß sie hervor, bis eine heftige Ohrfeige sie halb zu Boden schallerte.
Nach kaum einer halben Stunde verstaute sie die letzte Kiste im Auto und fuhr sofort los. Auf dem Weg nach Hause, musste sie mehrere Male anhalten, um sich zu übergeben und immer dachte sie: «Ich werde diesen Geschmack nie los. Dieser Geruch wird ewig an mir kleben, bis ich in der Hölle schmore und darüber hinaus. Nichts wird ihn mir von der Zunge brennen.» Und schon wieder musste sie würgen. Die Galle, die hoch kam schmeckte ihr wie ein Erfrischungsbonbon.
Endlich zu Hause angekommen blickte sie in Luisas zutiefst besorgtes und beunruhigtes Gesicht, dessen Ausdruck sich aber schnell veränderte und aufhellte. Ihre große Schwester war endlich wieder da. Offensichtlich ging es ihr sehr mies, aber das konnte auch anders nicht sein für einen Menschen, der es auf sich nahm in die Hölle hinab zu steigen, um nur paar elende Klamotten zu holen. Luisa hätte auf alles verzichtet, um nur nie wieder dort hin zurückkehren zu müssen. Sie wollte ihre Schwester in den Arm nehmen, Johanna aber war jede Berührung wie ein Brennnesselstreich.

View more