SOKRATES -Des kafkASKe Romans 30. Folge...

Uri Bülbül
Er richtete seinen Blick verzweifelt nach oben, konnte die Wasseroberfläche und den erlösenden Himmel darüber sehen, aber es war ihm unmöglich abzuschätzen, wie weit er noch tauchen musste. Eigentlich konnte es doch so weit nicht sein, aber seine Lunge ließ ihn im Stich, während er sich mit allen Kräften nach oben durch das Wasser abstieß. Der Torpedo wendete in einiger Entfernung, zielte wieder auf ihn und schoss heran, während er die Frauenstimme wieder singen hörte: «Er ist tot, o weh! In dein Todesbett geh!» «Ich bin nicht tot», schoss es ihm durch den Kopf, «ich bin auf gar keinen Fall tot!» Da aber berührte ihn schon der vermeintlich tödliche Schatten. Und nun erst erkannte er, dass er es nicht mit einem Torpedo, sondern mit einem Delphin zu tun hatte. Nichtsdestotrotz erschrak er, bemerkte aber dann, dass das Tier ihn zur Wasseroberfläche befördern wollte. Es bot ihm seine Rückenflosse an, woran er sich festhalten und in rasender Geschwindigkeit, dass ihm schwindlig wurde, an die Luft befördern lassen konnte. Endlich durchstießen sie die Wasseroberfläche; und der Delphin sagte mit derselben Stimme, die er zuvor schon vernommen hatte: «Ertrinken ist nicht schön.» Er hustete und konnte endlich tief einatmen. Er gierte nach Luft, wie er noch nie in seinem Leben nach Luft gegiert hatte. Nun hätte er gerne festen Boden unter den Füßen gehabt; er musste sich mit kleinen, sparsamen Schwimmbewegungen über Wasser halten, aber ihm fiel es nicht mehr gar so leicht, zu schwimmen. Der Delphin bemerkte es und stützte ihn; er konnte sich etwas entspannen. «Damit eines klar ist», sagte der Delphin, «ich bin nicht irgend ein Delphin. Ich bin ein ganz besonderer Delphin. Ich bin einzigartig. Haben wir uns verstanden?» Er lehnte erschöpft seinen Kopf an den feuchten Rumpf. «Das ist doch alles nicht wahr», sagte er. «Ein Traum, mehr nicht. Das ist doch alles irreal!»«„Fiktional“ heißt das», herrschte ihn der Delphin mit der schönen Frauenstimme an. «Schwester Lapidaria?» «Quatsch! Ich heiße Ophelia. Da ist Vergißmeinnicht, das ist zum Andenken; Und da ist Rosmarin, das ist für die Treue; Da ist Fenchel und Aglei; da ist Raute für Euch. Da ist Maßlieb - ich wollte Euch ein paar Veilchen geben, aber sie welkten alle, da mein Vater starb. - Sie sagen, er nahm ein gutes Ende.» Die Wellen wogten ihn sanft und die Sonne schien heiß auf seinen Kopf; er schloss die Augen und genoss die Schwerelosigkeit im Wasser; «was für ein Traum», sagte er sich und murmelte vor sich hin: «hätte es Vernunft, könnte es so nicht rühren». Und zum Delphin sagte er: «Er wurde im Dienste seines Herrn lauschend hinter dem Wandbehang durch einen Degenstich mitten ins Herz niedergestreckt. Ein übereifriger Spitzel starb. Es war ein kurzes End', ein schnelles.» «Halt die Fresse, du Hurensohn!» herrschte ihn der Delphin an, drehte sich um seine Längsachse und schleuderte ihn hoch und ins Wasser. Es schäumten Wasserbläschen um ihn herum.

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