Gott wird sich eines Tages bei dir melden! Teil 2 mit der 32. Folge von SOKRATES in der Fortsetzung

Uri Bülbül
«Ja, er schrieb mir nämlich auch: „O liebe Ophelia, es gelingt mir schlecht mit dem Silbenmaße; ich besitze die Kunst nicht, meine Seufzer zu messen, aber dass ich Dich bestens liebe, o Allerbeste, das glaube mir.“ Einen Scheiß hätte ich ihm glauben sollen!»
«Aber mal ehrlich, auch auf die Gefahr hin, dass du jetzt gleich wieder ausflippst: Hamlet fühlte sich von dir betrogen. Versetz dich mal in seine Lage: er sieht seinen vor zwei Monaten verstorbenen Vater auf der Schlossterrasse umher spuken; dieses Spukgespenst sagt ihm, seine Mutter habe seinen mörderischen Bruder geehelicht, nachdem dieser ihn im Garten vergiftet habe. Er sei an keinem Schlangenbiss gestorben, wie es offiziell hieß, sondern ein Opfer seines eigenen Bruders, der dann Thron und Königin an sich gerissen habe. Hamlet fand es ohnehin schockierend, dass seine Mutter, kurz nach dem Tod seines Vaters wieder heiratete. Und nun sagt ihm ein Gespenst, das sei auch der Mörder seines Vaters. Und diesem Mörder händigst du Hamlets Liebesbriefe aus. Für Hamlet stand fest, dass Frauen überhaupt nur Verräterinnen sein können.»
«„O Ophelia, es gelingt mir schlecht mit dem Silbenmaße“ - überhaupt gelang es ihm schlecht mit der Liebe. Er hätte mit mir über seine Probleme und erst recht über das Erscheinen des Gespenstes reden müssen. Stattdessen macht er einen auf Verschwörer und geheimen Ermittler in der Tarnung eines Irren. Und ich...»
«Du warst schwanger, stimmt's?»
«Halt die Fresse, du Hurensohn! Ich, ich war einfach nur naiv.» Er schwieg und fragte sich, wie lange er es im Wasser durchhalten konnte, ohne zu ermüden. Auch wenn er sich nicht viel bewegte, es kostete doch Kraft, sich über Wasser zu halten. Und auch in der Südsee konnte man abkühlen. Ophelia sagte auch nichts mehr und schien, ihren Gedanken nachzuhängen. Das kann so nicht lange gut gehen, dachte er sich: «Wie komme ich nur aus dem Wasser? Wenn es ein Traum ist, müsste ich erwachen? Aber wie mache ich das jetzt?» Und da keimte in ihm eine weitaus schrecklichere Frage auf: «Was, wenn das nicht nur ein Traum ist? Kein einfacher Traum, sondern der eines Todeskampfes, der in dieser Bewusstseinslage entschieden wird? Und was, wenn von meiner Entscheidung hier und jetzt mein Leben abhängt? Schließlich rede ich hier in einer völlig verrückten Situation mit einem Delphin, der die wiedergeborene Ophelia sein soll und auch noch sich an jedes Detail ihres vorigen Lebens erinnern kann. Bin ich vielleicht doch schon im Totenreich? Werde ich nun ewig in diesen Gewässern schwimmen müssen? Werde ich womöglich auch noch zu einem Delphin?» Und da kam ihm noch eine weitere Frage, die nicht ganz ohne Brisanz war: «Wo ist Hamlet? Wo sind Claudius und Gertrude? Wo ist dieses verdammte mörderische Paar? Sind sie vielleicht auch Delphine geworden? Oder womöglich Haie?»

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