Nach «der alte Mann und das Meer» wird diese Geschichte unter dem Titel «Der Delphin und die Nachtigall» wahrscheinlich weltberühmt und verfilmt. Zur Zeit läuft sie aber unter dem Titel SOKRATES und hier ist die 33. Folge...

Uri Bülbül
«Hey, entspann dich!» unterbrach Ophelia seine Gedanken, die sich zu einer Panikattacke zu steigern drohten. «Du wirst schon nicht sterben. Dieser Bulle hat dir nur die Nase gebrochen. Mehr nicht. Und Maja hat dir nur ein Schlafmittel verabreicht, damit du dich entspannen kannst. Warum sollte sie dich vergiften wollen?» «Was weiß ich?» erwiderte er, «Warum sollte man mich verhaften wollen? Und doch ist es geschehen. Bis ich begreife, warum etwas geschieht, bin ich womöglich längst über den Jordan.» Das ließ Ophelia munter kichern: «Dann weißt du mal, wie es mir erging!»
«Ja, wie erging es dir denn nun? Wie bist du ein Delphin geworden?»
«Da war plötzlich dieser Typ mit seinem „zwischen Wand und Tapete, Liebes!“ Ich weiß überhaupt nicht, was er mir damit sagen wollte. Zwischen Wand und Tapete passt nicht viel. Vielleicht war es eine Redewendung, wie wenn man sagt „da kann einer nicht von zwölf bis Mittag denken“ oder so.»
«Dein Vater hatte sich hinter dem Wandbehang versteckt», klärte er sie auf.
Ophelia tat erstaunt: «Ach ja? Woher willst du das denn so genau wissen?»
«Ich habe es gelesen.»
«Gelesen? Du bist ein richtiger Klugscheißer! Ich jedenfalls wusste, dass ich tot war. Aber der Mann redete mit mir. Er war zwar nicht sehr gesprächig, aber er redete mit mir. Ich war tot und wollte es begreifen. Aber konnte es nicht. Eigentlich müsse er mich bei einem Fährmann abliefern, sagte er. Und dieser bringe mich dann über den Fluss ins Totenreich. Aber der Fluss hieß nicht „Jordan“.»
«Nein, bei den alten Griechen ist das die „Styx“ und der Fährmann Charon rudert die Toten über den Fluss ins Totenreich des Hades.»
«Vielleicht ersaufe ich dich doch», brummte Ophelia, «Woher kennst du all diesen Schrott? Ich weiß, ich weiß, du hast es „gelesen“. Huh!» „Was ist dort?“ wollte ich von ihm wissen. Er aber antwortete nur: „Nichts.“ Ich hatte keine Lust, weiter zu fragen. Ich würde es ja sowieso bald erfahren. Aber irgendwie tat ich dem Mann Leid. Er wollte es natürlich nicht zugeben. Er sagte, es sei ein Experiment. Aber was soll das für ein Experiment sein? Und was kann man daraus lernen? Ich sah kurz in die Dunkelheit. So eine Finsternis hatte ich noch nie zuvor gesehen. Alles war so schwarz, dass es mich dort hinein zog. Nur kurz habe ich in diese Finsternis gesehen. Und plötzlich war ich ein Delphin.»
«Ja, plötzlich war Ophelia ein Delphin. Und jenseits von Zeit und Raum begegnen wir uns in der Südsee, und sie erzählt mir von ihrem Schicksal», ging es ihm durch den Kopf. Und Ophelia sagte: «Ja, warum auch nicht? Immerhin habe ich etwas zu erzählen. Ich bin eine tragische Figur mit einem verdammt tragischen Schicksal. Und du? Was bist du? Ein Langweiler mit einer gebrochenen Nase.» Er schwamm ein paar Züge weg vom Delphin und streckte seinen Kopf, so weit es nur ging, aus dem Wasser, um sich umzuschauen. Aber wohin er auch sah. Es war kein Land in Sicht. Er sprach sich selbst Mut zu. Es würde schon einen Ausweg aus dieser Situation geben.

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