«Gleich werden die Haie kommen», schreit das rosa Baby-Delphin in der 35. Folge des kafkASKen Fortsetzungsroman SOKRATES: https://docs.google.com/document/d/1O_cvvRp7qIerpzTciSZn3vyfhoTfmjkJIdMeghAcPQs/edit?usp=sharing (hier alle 35 Folgen auf einmal)

Uri Bülbül
«Iiiiii», schrie das Jungtier, eindeutig ein Baby-Delphin, kaum aus dem Säuglingsalter heraus, «jetzt blutet er! Das ist ja eklig. Gleich werden die Haie kommen. Wieso blutet er so schnell?» Es blieb ihm nicht viel Zeit, sich darüber zu wundern, dass dieser kleine rosane Delphin mit einem etwas unförmig breiten Maul auch sprechen konnte. Die Information, die er würgend und keuchend aufgeschnappt hatte, versetzte ihn in große Angst. Er sah nun selbst mit eigenen Augen, dass das Wasser um ihn sich blutrot färbte. Und in der Tat brauchte man nicht viel Verstand, um zu begreifen, dass dieses Blut Haie anziehen würde. Sein Magen war noch immer durch das Salzwasser, das er geschluckt hatte, in Aufruhr; ein paar Tropfen waren auch in seine Luftröhre gekommen. Er bekam weder den Würgereiz noch den Hustenanfall in den Griff. Da spürte er, wie Ophelia ihn sanft von unten stütze und trug. «Keine Sorge», sagte sie sanft. Ich bringe dich in Sicherheit. «Du musst Basti entschuldigen...» Der Baby-Delphin unterbrach sie sofort schroff: «Warum entschuldigen? Ich bin kein Babydelphin „kaum aus dem Säuglingsalter heraus“. Ich bin nur ein wenig klein für mein Alter – das ist alles!» «Basti, lass ihn in Ruhe! Er kann nichts dafür.» Sie trug ihn so, dass er sich tatsächlich ein bißchen beruhigen konnte. Ihm war noch übel, und die Nase schmerzte, aber der Hustenreiz verging. Er konnte wieder ruhig atmen. Was er nicht recht begreifen konnte, war, dass er an seiner Stirn beruhigend und sehr zärtlich gestreichelt wurde. «Wie macht sie das nur?» fragte er sich. Ophelia hatte doch als Delphin keine Hände. Aber er hätte schwören können, dass ihn eine sehr zärtliche Frauenhand streichelte, ohne dass er sie sehen konnte. Eine unsichtbare wunderbare Frauenhand. Er entspannte sich völlig. «Mach dich bloß nicht so schwer, sonst scheuer ich dir gleich noch eine!» sagte Basti biestig. «Du musst nicht eifersüchtig sein», entgegnete Ophelia ihrem Sohn. Und dem hilflosen Menschen sagte sie: «Ja, du hast recht. Ich war schwanger, als ich wegen Hamlet damals in den Teich ging und ertrank. Ich war so unglücklich. Ich wusste einfach nicht mehr weiter. Und als mich Hermes rettete und mir eine zweite Chance als Delphin gab, wurde natürlich auch unser kleiner Sohn gerettet. Ich brachte ihn hier im Meer zur Welt.» «Ich kann auch im Süßwasser leben!» schrie Basti dazwischen. «Ich kann auch in den Fluss auf der Insel der Seligkeit, wohin sie dich bringen will, wenn dich die Haie nicht zuvor fressen!» «Mach ihm keine Angst, Basti. Es ist gut jetzt», wies Ophelia ihren Sohn zurecht. Und sprach wieder im sanften Ton zu Uri Nachtigall: «Basti hasst mich, weil wir Delphine sind, und er wäre viel lieber eine Bananengans, sagt er. Aber was soll denn bitte schön eine Bananengans sein?» «Eine Bananengans ist ein fabelhaftes Tier. Sie lebt auf der Insel. Aber da darfst du ja nicht sein! Du hast einfach keine Ahnung, Mama! Und dieses blutende Haifutter da wird auch nie eine Bananengans sehen, weil es...

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