Die 36. Folge von SOKRATES ist da...

Uri Bülbül
«Du bist so ekelhaft! Du bist ein ekelhaftes Wesen!» antwortete der rosa Delphin. «Ich bringe dich niemals auf die Insel der Seligen. Du gehörst da einfach nicht hin. Genauso wenig wie meine Mutter.» Ängstlich sah sich Uri Nachtigall um, ob nicht irgendwo schon Haiflossen auftauchten. Und wieder begann er zu bitten und zu betteln, dass es schier erbärmlich wurde. «Bitte, ihr könnt mich doch nicht hier den Haien überlassen. Ihr könnt doch nicht zulassen, dass ich aufgefressen werde!» «Du bist so ekelhaft! Du bist ein ekelhaftes Wesen!» wiederholte Basti wieder. Panisch entschied sich Uri Nachtigall für eine Richtung und begann einfach zu schwimmen. Er wollte weiter kommen; er wollte nicht auf der Stelle bleiben. Für irgend eine Himmelsrichtung musste er sich entscheiden. Das schien ihm in dieser ausweglosen Situation noch das Vernünftigste zu sein. «Basti, lass ihn jetzt in Ruhe!» ermahnte Ophelia den Kleinen. Uri wollte nicht mehr hinhören, ihm war das egal, was Mutter und Sohn untereinander auszumachen hatten. Er hatte nun für sich eine Richtung bestimmt und in diese würde er schwimmen, bis er gerettet würde. Keine Fragen! Keine Zweifel! Schöne ruhige Züge, so dass er so lange wie möglich aushielt und so weit wie möglich voran kam. Wieder hörte er wie aus dem Himmel Stimmen. Es war nicht Ophelia und es war nicht Basti. Es waren andere Stimmen, wovon eine aber ihm durchaus bekannt vorkam. «Er verlässt uns einfach. Siehst du, was du angerichtet hast?» fragte Ophelia ihren widerspenstigen Sohn. «Er wird nicht weit kommen. Außerdem weiß er gar nicht, ob er in die richtige Richtung schwimmt. Wie kann das einer aushalten, wenn er nicht weiß, ob er jemals ankommen wird? Er wird bald schlapp machen und ertrinken, wenn ihn nicht zuvor die Haie holen», spekulierte gehässig der kleine Delphin. «Schade», antwortete Ophelia, «ich konnte mich gut mit ihm unterhalten. Vielleicht werde ich ihn vermissen. Und du bist nur eifersüchtig auf ihn.» Ja, Uri war sich jetzt ganz sicher, dass es das einzig Richtige war, unaufhaltsam und unaufhörlich weiter zu schwimmen. Er würde auf jeden Fall gerettet werden, das spürte er, ganz gleich, ob er die Insel der Seligen erreichte oder nicht. Er konnte auch von einem Schiff gefunden werden. Er spürte einen kalten Lappen auf dem Gesicht und eine zärtliche Hand, die seine Stirn streichelte. Wieder hörte er Stimmen aus der himmlischen Ferne der Wolken und hatte nicht mehr das Gefühl zu schwimmen. Das Meer war verschwunden. Er lag in einem Bett und öffnete die Augen.
Der Schreck bei dem, was er sah, war groß.

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