Muss es in einem Roman wie SOKRATES nicht auf jeden Fall auch Tote geben? Ich spiele mit dem Gedanken, zwei meiner Figuren über die Klinge springen zu lassen.SOKRATES, der kafkASKe Fortsetzungsroman Folge 37...

Uri Bülbül
Er blickte in die Mandelaugen der Schwester Lapidaria, die ihn verächtlich und kalt ansahen. Er wunderte sich, Bastis Stimme im Zimmer zu hören. Offenbar waren noch andere Personen im Raum: «Er kommt zu sich. Er ist wieder bei Bewusstsein.» «Basti? Bist du das? Der rosa Delphin?» «Ich bin kein rosa Delphin. Ich bin ein Junge.» Es gab Gelächter im Zimmer, das sofort erstickte, als Maja einmal in die Runde blickte. «Wir gehen jetzt besser», sagte jemand, «komm Basti. Der Neue braucht Ruhe.» Beunruhigt von dieser Aussage versuchte sich Uri Nachtigall aufzurichten. Aber die Schwester drückte ihn sanft und bestimmt in sein Kissen zurück. «Bleib liegen, kleiner Vogel. Du brauchst noch viel Ruhe. Ich habe dir eine Spritze gegeben.» Es wurde dunkel um ihn, und er konnte nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob er noch etwas erwidert hatte, oder einfach ins traumlose Dunkel fiel.
Luisa und Johanna saßen gemeinsam beim Abendessen und Johanna kam wieder auf das Thema, das ihr wie ein Stachel im Fleisch saß: «Was wollte sie denn nun?» Luisa war in Gedanken bei ganz anderen Dingen: «Was? Wer?» «Na, die Mutter! Warum hat sie angerufen?» Luisa wollte gar nicht erinnert werden. Alles lag so weit zurück, dass es schon nicht mehr wahr sein konnte – höchstens ein vergessener Traum, ein Albtraum! «Sie wollte mit dir reden. Aber ich habe gesagt, du bist nicht da.» «Und du? Hast du gar nichts mit ihr weiter gesprochen?» «Nein, ich hatte keine Lust. Was sollte ich denn mit ihr sprechen?» So kam das Thema vom Tisch. Johanna betrachtete immer wieder ihre kleine Schwester, die unbeschwert von allen möglichen Dingen der Welt, von Mitschülerinnen und von Youtube-Videos erzählte und einfach keinen Gedanken mehr an ihre Mutter verschwendete. Johanna freute sich still in sich hinein, denn das stärkste Gefühl in ihr war: «da habe ich endlich mal etwas zweifellos richtig gemacht; meiner Schwester geht es gut». Nach dem Essen räumten sie gut gelaunt den Tisch ab, bereiteten sich einen „bunten Teller“, wie sie es nannten, vor, der aus Orangen, Äpfeln, Möhren, Gurkenscheiben, Melonen, Gummibärchen, Schokolade bestand und legten sich einen Film ins DVD-Gerät, der sofort schon sehr blutig anfing, aber auch sehr gute und witzig-spritzige Dialoge enthielt. Und als sich der Plot allmählich vor ihren Augen entfaltete und sie immer wieder überraschte, waren sie einerseits von dem Film sehr gefesselt, andererseits aber auch in Unterhaltungs- und Gesprächslaune. Am Ende des Films schrie Luisa fröhlich «Ha, ha, Rache ist Blutwurst». Johanna musterte unbemerkt ihre Schwester und fragte: «Gelüstet es dich auch manchmal nach Rache?» Luisa machte sich nicht einmal den leisesten Hauch von Mühe, um einen Hintergedanken hinter Johannas Frage zu vermuten. «Nach Rache? Warum das denn? Von mir aus könnten irgendwelche Gangster sofort unser unsere Eltern über den Haufen schießen. Meinen Segen dazu haben sie.»

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Jolly Roger@FirstTeapotTheIronFey