38. Folge von SOKRATES ist da: Unter Schwestern :) Alle 38 Folgen in einem Text nachzulesen und zu kommentieren unter https://docs.google.com/document/d/1O_cvvRp7qIerpzTciSZn3vyfhoTfmjkJIdMeghAcPQs/edit?usp=sharing

Uri Bülbül
Sie sprang vom Sofa, schnappte sich den abgegrasten Naschteller und die leere Cola-Flasche und fragte Johanna, ob sie noch etwas aus der Küche haben wolle. «Ja, bringst du mir noch eine Banane mit?» Die Banane flog wenige Augenblicke später elegant durch die Luft und wurde von Johanna geschickt mit der Linken aufgefangen. «Na Schwesterchen, willst du schon ins Bett?» kicherte Luisa. Kurz verstand Johanna sie nicht, doch dann empörte sie sich künstlich: «Hey, sei nicht so frech! Die Jugend heutzutage! Apropos Bett. Kannst du überhaupt noch schlafen, wenn du so viel Cola trinkst? Oder willst du heute Nacht gar nicht schlafen?» «Ich zocke gleich noch ein, zwei Stündchen. Morgen fallen bei uns die ersten beiden Stunden aus. Dann habe ich Sport und danach ist diese Exkursion, von der ich dir erzählt habe: „Besichtigung eines freien Theaters und Gespräch mit den Theatermachern“.» «Klingt nicht uninteressant.» Luisa wog mit gespitzten Lippen den Kopf hin und her. «Eine gesunde Skepsis gegenüber dem, was der Deutschunterricht zu bieten hat, sollte man nie ablegen, Schwesterchen, sonst landet man bei der Polizei», neckte Luisa die „Frau Kommissarin“. Dafür flog die Banenschale durch die Luft und landete zielgenau auf Luisas Kopf. «Räum das auf! Ich bin für Ordnung. Und hab eine gute Nacht. Ich gehe jetzt schlafen. Ich fand den Film übrigens sehr spannend, aber so ganz habe ich ihn nicht verstanden. Ich glaube, ich werde ihn mir noch einmal ansehen – demnächst in diesem Kino.» «Ja, dann erkläre ich dir alles. Schlaf gut, große Schwester», rief Luisa aus der Küche und klapperte mit dem Deckel des Mülleimers.
Als Luisa am nächsten morgen völlig erschrocken darüber, wie lange sie geschlafen hatte, aufwachte, hörte sie noch so eben, wie ihre Schwester leise die Wohnungstür von außen zu zog und das Haus verließ. «Oh Shit, ich bin zu spät!» durchzuckte es sie, während sie ins Bad stürzte. Nun musste alles sehr schnell gehen. Aber eine kleine Dusche gönnte sie sich trotzdem noch. Und dann spürte sie zu allem Überfluss auch noch ein Ziehen am Unterleib und dachte «auch das noch!» Die Menstruation, die sich ankündigte, hob nicht gerade ihre Laune. Aber so viel Zeit hatte sie nun auch nicht, um sich um ihre Wehwehchen zu kümmern. Aber dann hielt sie plötzlich inne. «Wollen wir mal nicht übertreiben mit der Eile, Luiselchen», sagte sie zu sich selbst. Schließlich waren Frauenbeschwerden im Anmarsch. Da konnte sie es ja wohl mit dem Sportunterricht etwas gemächlicher angehen bzw. diesen Teil des Tages einfach mal vom Kalender streichen. Luisa frühstückte erst einmal gemütlich, sah etwas fern, machte sich mit einer ausgiebigen Morgentoilette ausgeh fertig und dann auf den Weg zum Hauptbahnhof, wo sie sich mit ihrem Deutschkurs treffen sollte, um gemeinsam in dieses eine freie Theater zu gehen, dessen Namen sie sich nicht gemerkt hatte.

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