Wer sich auf die Suche nach Vermissten begibt und dann auch noch wirklich seltsame Menschen vermisst, kann böse Dinge erleben - vielleicht die letzten Dinge im Leben ;) Die 39. Folge von SOKRATES kommt dieses Mal sofort nach der letzten. Ich bin ganz aufgeregt und möchte endlich Tote sehen.

Uri Bülbül
Der Deutschkurs bestand aus einem Dutzend Schülerinnen und Schülern, es gab doppelt so viel Mädchen wie Jungs – also eine kleine Rechenaufgabe für Schlaumeier. «Inspired by many true stories» Linkin Park «Castle of Glass» auf den Ohren und das Video auf dem Smartphone erreichte sie den Hauptbahnhof. «All great things are simple, and many can be expressed in single words: freedom, justice, honor, duty, mercy, hope. (Winston Churchill)» Ihre Mitmenschen und Umwelt nahm sie nicht wahr; außer wenn sich ihr jemand als Hindernis in den Weg stellte; ansonsten waren diese Figuren vollkommen uninteressant für sie. Sie war nicht die letzte aus ihrem Kurs, die am Treffpunkt eintraf. Freundlich begrüßten sie ihre Mitschüler und verwickelten sie in Gespräche, witzelten und drückten teilweise auch ihren Unwillen darüber aus, dass sie an dieser Exkursion teilnehmen mussten, die eigentlich diesen hochgestochenen Namen gar nicht verdiente. Sie fuhren dafür nicht einmal in eine andere Stadt.
Als Frau N.N., eine Mittdreißigerin, einige Bemerkungen ihrer Schülerinnen und Schüler diesbezüglich aufschnappte, trat sie näher und mischte sich sehr lehrerinnenhaft in das Gespräch ein: «Wozu in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah?» sagte sie. Luisa konnte ihre Deutschlehrerin nicht ausstehen. Und diese Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie korrigierte die alternde Besserwisserin sofort: «„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ heißt das. Das Fragewort „wozu“ ist teleologisch, fragt nach dem Sinn, der durch das Ziel gegeben wird, das Fragewort „warum“ kann beides bedeuten, sucht aber zunächst den Sinn im Grund, in der Ursache einer Gegebenheit.» Die Lehrerin war kurz irritiert, rechnete aber irgendwie grundsätzlich mit Angriffen und Attacken von Klugscheißerei ihrer Schüler; allerdings war sie nicht immer – eigentlich, genau genommen, selten zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung fähig. «Luisa Metzger, wenn Sie es nur einmal mit Ihren Hausaufgaben so handhaben würden, eine schöne Goldwaage für Ihre zu erledigenden Aufgaben und die Schlampereien darin – das wäre doch mal etwas für Sie!» Dabei hätte man doch sagen können, dass in diesem Fall das Fragewort „wozu“ und „warum“ nun tatsächlich synonym waren. Denn es wurde nach dem in der Zukunft liegenden Motiv für das Indieferneschweifen gefragt. Aber so viel Hirn besaß die Alte in Luisas Augen nicht. Zwei ihrer Freundinnen und Luisa hielten sich etwas distanziert zu Frau Sophie Rosenberg-Kübel auf, als die Exkursion nun endlich ihren Lauf nahm.

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