Ich weiß wirklich nicht, ob ich Frau Sophie Rosenberg-Kübel, Luisas Deutschlehrerin, zu einer der wichtigeren Figuren in SOKRATES machen will. Erst einmal kümmere ich mich um die junge Rechtsanwältin Ayleen, die sich um die kleine Nachtigall sorgt. SOKRATES - Der kafkASKe Fortsetzungsroman Folge 40:

Uri Bülbül
Sie fuhren mit der U-Bahn drei Stationen vom Hauptbahnhof in eine mittlerweile alternde und vor etwa zwei Jahrzehnten sehr angesagte Gegend der Stadt. Hier befand sich nicht nur ein riesen großes Geschäfts- und Multifunktionshaus mit dem besagten Theater im Kellergeschoss, sondern auch viele Geschäfte und Restaurants, die ihre beste und modischste Zeit schon hinter sich hatten und nun mehr eher ein Abbild einer schönen Flaniermeile darstellten als einen Ort, an dem man gerne sah und gesehen wurde. Und dennoch gab es wie zum Trotz gegen über dem gigantischen 36 Hausnummern umfassenden Multifunktionsblock eine Biedermeier Villa, die zu einem Jugend- und Bildungszentrum umfunktioniert worden war. Die Hof- und Gartenmauern dieser Villa wurden erlaubter Maßen von jugendlichen Sprayern für ihre Graffitis genutzt. Brave, gezähmte Jugendkultur, dachte Luisa und fand selbst die paar Typen, die mit ihren Skateboards auf dem Hof abhingen, lächerlich angepasst. Die Jungs riefen ihnen etwas zu, was sie nicht genau gehört hatte. Aber ihre beiden Freundinnen blieben stehen, um sich mit ihnen zu unterhalten, also wartete Luisa ebenfalls und ließ den Kurs weiter ziehen. Sie hatte die Gruppe und den Eingang, den sie wählten im Blick, was genügen sollte, um den Anschluss gleich zu finden. Kurz wurde auch über das Theater und die Betreiber geredet; die Quintessenz lautete: «Die Typen, die das Theater betreiben, sind ganz nett und umgänglich und machen auch gute Projekte mit jungen Leuten.» Der eine oder andere von ihnen hatte auch Kunststücke mit seinem BMX-Rad auf der Bühne vorführen dürfen, wofür Luisa ein innerliches Schulterzucken übrig hatte. Endlich ging es weiter. Und sie betraten durch den Bühnen- und Verwaltungseingang, der hinab in den Keller führte, das Theater. Die schwere Eisentür stand halb offen, so dass die drei Mädchen ungehindert eintreten konnten und plötzlich in einem dunklen Gang standen. Links stand eine weitere Eisentür halb offen, die scheinbar in ein Büro führte, worin sich Menschen unterhielten. Luisa blieb vor der Tür stehen, während ihre Freundinnen weiter gingen. Eine Frauenstimme sagte: «Das ist sehr ungewöhnlich, dass er sich nicht meldet. Er ist auch nicht zu Hause. Ich dachte, er wäre hier.» Ein Mann antwortete in ruhigem Ton: «Ja, er müsste auch hier sein. Wir haben den Termin mit den Schülern, aber er kommt bestimmt gleich. Ich glaube nicht, dass er ein solches Treffen vergessen hat. Warte doch auf ihn und trink einen Kaffee.» Bevor jemand aus dem Büro heraus kam, setzte Luisa besser ihren Weg fort und schloss an ihre Gruppe auf, die mittlerweile das Foyer des Theaters erreicht hatte und an einem für sie vorbereiteten Tisch Platz nahm.

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