SOKRATES -Der kafkASKe Fortsetzungsroman: Uri Nachtigall befindet sich in der Psycho-Villa des @DoctorParranoia; eigentlich wollte er nur herausbekommen, warum er verhaftet wurde und der grobe Kommissar ihm die Nase brach. Seine Anwältin hatte ihm den Tipp gegeben, und nun ist sie auf der Suche...

Uri Bülbül
Auf dem Flur stieß Ayleen fast mit dem Oberstaatsanwalt zusammen: «Ayleen! Schön dich zu sehen!» rief er, der sie aus Studienzeiten noch kannte. Ayleen war noch immer aufgebracht und wütend, aber es wurde jetzt höchste Zeit, sich etwas zu beruhigen. «Hallo Leo.» «Ich dachte, du machst mehr Familen- und Sozialrecht. Was treibt dich denn in unser schönes Präsidium? Bist du noch mit diesem André Nervmichnicht zusammen?» So war Leopold. Ohne Umschweife direkt zur Sache. Wozu den anderen lange Luft holen lassen? «Er heißt André Nerf mit einem „F“ und nein, ich bin nicht mehr mit ihm zusammen.» Da funkelten Leos Augen in Flirtlaune. Und geistesgegenwärtig warf sie ihm einen sehr herzerwärmenden Blick zu. «Nach dem Studium gingen unsere Interessen sehr weit auseinander.» «Ach ja, der gute Nerf – er war nicht ganz der Hellste, wenn du mich fragst.» «Ich frage dich aber nicht, lieber Leo. Und du? Bist du noch immer auf der Suche nach der richtigen Frau?» «Nein, nein, ich habe meine Erfüllung in meinem Beruf gefunden und das Polizeipräsidium zu meinem Zuhause gemacht.» Er lachte überlaut und nervös. «Was hältst du davon, wenn wir zusammen einen Kaffee trinken gehen?» fragte er, plötzlich sein Gelächtersolo abbrechend. Nicht ohne Hintergedanken fand Ayleen die Idee gut. Er wollte gleich in die Stadt mit ihr; aber sie zog nicht nur aus Zeitgründen die Cafeteria des Präsidiums vor.
Es war nicht viel von Leopold Lauster zu erfahren. Ja, er habe die Akte Uri Nachtigall schon mal gesehen; er sei einfach im Rahmen einiger Ermittlungen der Polizei auffällig geworden; aber noch könne man wirklich nicht von einer nachweisbaren Straftat bei ihm ausgehen. Selbst die Ermittler würden ihn nicht als besonders wichtig einstufen. Einen Anwalt bräuchte er jedenfalls noch lange nicht. Doctor Parranoia habe er vor etwa zehn Tagen das letzte Mal auf einem Forensikkongress getroffen, bei dem es um eine statistische Datenerhebung von psychiatrischen Gutachten gegangen sei und um deren Irrtümer, Fehlprognosen und Konsequenzen daraus. Ja, er berate das Sonderdezernat, in dessen Ermittlungen auch Uri Nachtigall geraten sei. Aber warum sie denn immer nur über diesen Uri Nachtigall redeten? Er würde sich viel lieber mit ihr zum Abendessen verabreden. Es gelang Ayleen, ihn auf eine unbestimmte Zeit zu vertrösten und sich bald davon zu machen, um endlich zur Villa des Doctors fahren zu können. Als Ayleen in den dunklen Waldweg einbog, der zur Psychovilla führte, fröstelte sie und wurde von einem seltsamen Gefühl beschlichen. Sollte sie besser umkehren? «Ach, sei kein Hase, Ayleenchen», sagte sie zu sich selbst, «was soll dich dort schon erwarten?»

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