44. Folge von SOKRATES, dem kafkASKen Roman ist da: Ayleen entdeckt Zodiac, ihre Liebe auf den ersten Blick, der auch ihr letzter sein könnte. Doch nicht nur aus Platzgründen wird Ayleen sich in der 45. Folge von uns verabschieden ;)

Uri Bülbül
Als Ayleen dort parkte, wo auch Uri Nachtigall sein Auto abgestellt hatte, wurde sie auf einen jungen eleganten Mann aufmerksam, der vor dem Gesindehaus lässig an einen Baum gelehnt eine Zigarette rauchte. Links vor ihr stand die Villa, fast schon ein Schlösschen und rechts unweit der Villa ein kleines bescheidenes Häuschen romantisch anmutend und davor dieser Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Es konnte auf jeden Fall nicht schaden, wenn sie ein bißchen vorfühlte, bevor sie sich die Villa vornahm. So ging sie auf ihn zu, der sie eigentlich längst bemerkt haben musste, sich aber nicht um einen Deut aus der Ruhe bringen ließ. Sie kam bis auf zwei Schritte an ihn heran; faszinierende Schatten umspielten seine Gesichtszüge. Er beachtete sie noch immer nicht.
«Guten Tag, ist das die Villa des Doctor Parranoia?» fragte sie. Er drehte sich langsam zu ihr, musterte sie kurz und antwortete: «Willkommen im Irrenhaus. Sie sehen vor sich das kleine Schloss, die Sommerresidenz des Wahnsinns. Lassen Sie sich ruhig darauf ein, Herr Doctor verspricht Ihnen, dass Sie gute Aussichten haben, Sinn zu finden in der verrückten Welt.» Er sprach gleichmäßig, ganz ruhig. Die Gelassenheit, die er ausstrahlte, sprang auf sie über. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und stellte sich nur mit ihrem Vornamen vor: «Ich heiße Ayleen.» Er nahm ihre Hand fest in seine und hielt sie länger fest als nur für einen Druck, während ein Lächeln seine Lippen umspielte: «Freut mich. Zodiac.» Das hätte für Ayleen eine Warnung sein können. Aber sie wollte keine Warnsignale. «Ich bin auf der Suche nach einem Freund», sagte sie, während sie noch ihre Hand in der seinen ließ. «Dann haben Sie jetzt einen gefunden», sagte er schmunzelnd. Sie musste ebenfalls schmunzeln und kam ihm noch ein bißchen näher wie verzaubert, um ein wenig mehr von seiner Wärme zu spüren. «Ich suchte einen bestimmten Freund», sagte sie. «Und Sie fanden einen Unbestimmten», erwiderte er. Noch immer ihre Hand haltend. «Zodiac, vielleicht haben Sie ihn ja gesehen.» «Kommen Sie, wir gehen erst einmal herein und trinken einen Tee gemeinsam. Dann können Sie Ihre Suche nach Ihrem bestimmten Freund fortsetzen, wenn Ihnen danach ist. Oder Sie verweilen einfach bei Ihrem unbestimmten». Er zog sie sanft aber bestimmt mit sich und wechselte elegant die Hand, mit der er ihre Rechte hielt, als wären sie lange miteinander befreundet und könnten auch mal Hand in Hand gehen. Sie ließ es sich gefallen, weil es ihr gefiel. Erst an der Haustür ließen sie sich los und fast bedauerte sie, ihn nicht mehr zu berühren.
Sie betraten das Haus und standen im Flur, von wo aus es in die Küche, ins Bad und in ein Wohnzimmer ging, das ein Durchgangszimmer zu weiteren Zimmern war. Auch führten Treppen hoch in den oberen Bereich und auch eine Treppe hinter einer schmalen Tür, die nach unten in den Keller führte, befand sich hier. Er lud sie in die Küche ein und sie folgte ihm, in Ruhe und neugierig den Raum betrachtend.

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