Ich muss heute unbedingt die 48. Folge von SOKRATES, meinem kafkASKen Fortsetzungsroman loswerden. Die Geschichte spinnt sich in meinem Kopf unermüdlich weiter und verwebt sich mit meiner Realität. Ich warte auf den Tag, an dem ich mich selbst auf die Suche nach Ayleen mache.

Uri Bülbül
Die Rede war vom Dramaturgen, Hausphilosophen und Sprecher des Theaters, einem gewissen Uri Nachtigall. Sie setzte sich sofort an ihren Computer und googelte «Uri Nachtigall», was sie zu Ergebnissen führte, die sie nicht besonders interessierten. Unter anderem stieß sie auf einen gewissen «Klugdiarrhoe» auf ask.fm, überflog kurz dessen Profil und fand nichts, was ihr Interesse hätte fesseln können. «Schwafelhannes», dachte sie. Manche Antworten, die er gab, waren wirklich mehr als langatmig. Ein Pseudophilosoph. Es wäre wirklich das Ende meines Verstandes, sagte sie sich, wenn ich mir die Philosophie von einem abgebrochenen Typen auf ask.fm erklären lassen müsste. Sie beschloss, sich das Theater noch einmal genauer anzusehen und mit den Leuten zu sprechen, die dort arbeiteten. Vielleicht würde bis dahin auch wieder dieser Nachtigall-Typ aufgetaucht sein, und sie könnte ihn persönlich kennen lernen. «Ich möchte mal wissen, was ein „Hausphilosoph“ in einem freien Theater zu tun hat!» Da sie immer stärker werdende Bauch- und dann auch noch Kopfschmerzen zu plagen anfingen, ging sie mies gelaunt ins Badezimmer, um sich ein Entspannungsbad zu gönnen. Während sie sich die Wanne voll laufen ließ, ging sie noch einmal mit ihrem Smartphone ins Netz, um auf Facebook nach diesem «Hausphilosophen» zu suchen. Aber einen Uri Nachtigall gab es nicht auf Facebook.
Als am Abend ihre Schwester Johanna nach Hause kam, lag sie mit einer Wärmflasche im Bett und blutete so vor sich hin, hatte sich etwas Obst ans Bett geholt, sah auf ihrem Laptop fern, chattete über Whatsapp mit einigen Freundinnen und hatte mehrere Anrufe ihrer Mutter erfolgreich ignoriert, mit denen sich nun dummer Weise Johanna konfrontiert sah. «Na, Schwesterchen, hast du deine Tage?» fragte die Kommissarin und versuchte dabei nicht gereizt zu klingen. Küche und Bad sahen, gelinde gesagt, unaufgeräumt aus und zu essen gab es auch nicht viel. «Ich habe auch keine Lust zu kochen», murmelte sie und fügte hinzu: «nun werden wir uns von meinem spärlichen Beamtensold ein wenig zu essen organisieren müssen – vielleicht vom Chinesen? Oder lieber vom Pizzamann?» Die Anrufliste mit den entgangenen Anrufen der Mutter löschte Johanna kurzerhand. Was wollte die Alte nur von ihnen? Luisa wusste das auch nicht; und es interessierte sie herzlich wenig. Lieber richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die gebratene Ente in Erdnuss-Sauce und den Salat, den sie unbedingt dazu haben wollte. Johanna entschied sich für Rind in scharfer Sauce und eine Frühlingsrolle; aber als sie die Bestellung aufgab, klang es eher so, als wollte sie den chinesischen Koch verschlingen. «Hattest du einen stressigen Tag?» fragte Luisa. «Hmmm, geht. Ich habe einem 13-jährigen Jungen, der an rosa Delphine glaubt, eine echte und schussbereite Waffe abgenommen. Der hatte damit schon in der Psycho-Villa ein Loch in die Decke geschossen.»

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