Wie sieht die Zwischenbilanz nach 50 Folgen Sokrates aus? Die hübsche Rechtsanwältin Ayleen ist tot; die Nase unserer Hauptfigur wieder heile; dafür sitzt er fest im Irrenhaus; etwas näher kennengelernt haben wir die Kommissarin Johanna Metzger und ihre Schwester Luisa und ihren Vater. Na ja...

Uri Bülbül
«Ich werde mit Ayleen ein ernstes Wörtchen reden», ging es ihm durch den Kopf. Eine große Hilfe war sie ihm nun wirklich nicht mit diesem Tipp, sich mal im Irrenhaus mit dem Irrendoktor... Verzeihung, Professor zu unterhalten. Wahrscheinlich waren alle diese Leute hier -inklusive Zodiac- seine Versuchskaninchen, und mitten im Käfig saß nun auch er - Uri Nachtigall, Schriftsteller und Philosoph seines Zeichens. Jetzt musste er zusehen, dass er von der Klobürste stieg, um mal in seinem Bild volkshumoristischen Allgemeingutes zu bleiben, was nur in gewissen Kreisen die Eigenschaften eines Witzes erfüllte. Schwester Maja kam mit einem kleinen Instrumentenköfferchen und einer Nierenschale aus Chrom wieder, zog einen Stuhl ans Fenster und wies den Patienten an, sich hinzusetzen. Uri Nachtigall sträubte sich dagegen, was Maja harsch vom Tisch fegte: «Los, stell dich nicht so an! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Es gibt schließlich auch andere Menschen, um die ich mich kümmern muss!» «Aber ich will gar nicht, dass Sie sich um mich kümmern» lautete der zaghafte Versuch eines neuen Widerstands. «Mir ist egal, was du willst. Du bist damit einfach noch nicht an der Reihe. Setz dich!» Sie drückte ihn auf den Stuhl. Wie kräftig und entschlossen ihre Hand war, die nun zart sein Kinn berührte, um den Kopf ins Tageslicht zu drehen. Jetzt erst begriff er, was sie vorhatte; die Tamponade musste aus der Nase entfernt werden. Er fügte sich. «So ist es brav! Du hast einen leicht debilen Gesichtsausdruck, wenn du immer durch den halb offenen Mund atmest.» Er fühlte sich erleichtert. Sie tätschelte beiläufig seine Wange, bevor sie sich von ihm abwandte und mit einem Befehl: «Warte hier!» und ihren Utensilien das Zimmer verließ. Nur wenn er seine Nase anfasste, schmerzte sie noch. Vielleicht war jetzt alles überstanden und er konnte in sein altes Leben zurückkehren. Er musste vielleicht so etwas wie seine Entlassungspapiere unterschreiben, einen medizinischen Bericht für den Hausarzt mitnehmen und ginge damit bestückt in seinen Alltag zurück. Allerdings durchzuckte ihn bei diesem Gedanken ein kleines Wehmutszeichen. Der Zweck seines Besuches in diesem Sanatorium war ja nicht die gebrochene Nase gewesen, sondern vielmehr die Klärung des Sachverhalts, warum man ihn verhaftet hatte. Und in dieser Angelegenheit war er keinen Schritt weiter gekommen, wie er sich nun eingestehen musste. Vielleicht sollte er ein Gespräch mit diesem Zodiac abwarten. Was konnte es ihm denn schaden? Und diese gewöhnungsbedürftige Irrenschwester war auch nicht so furchtbar, wie sie auf dem ersten Blick erschien. Hatte sie nicht soeben gesagt, dass Zodiac und sie sich um ihn kümmern wollten. Das konnte auch einen längeren Aufenthalt beinhalten und bedeutete keineswegs, dass er sofort mit seinen Entlassungspapieren konfrontiert wurde. Ohne Anklopfen wurde die Tür aufgerissen und Schwester Maja kam wieder herein. «So, mein kleines Vögelchen, ich habe dir dein Zimmer eingerichtet!»

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