55. Folge von SOKRATES, dem kafkASKen Fortsetzungsroman. Was außerhalb der Villa auch passieren mag, verweilen wir doch noch ein wenig im Haus. Die Kommissarin Johanna Metzger wird doch nicht etwa... Das darf doch nicht wahr sein!

Uri Bülbül
Die Kommissarin aber wirkte ein wenig gedankenverloren. «Los, du Schlampe! Erfülle deinen Dienst! Mach deine Aufgabe! Verunsichere ihn! Frage ihn, ob er sich an die vergangenen Tage erinnern kann! Frage, was genau passiert ist! Frage ihn nach seinem Alibi! Aber verrate ihm ja nicht, wessen er beschuldigt wird! Statt dessen sitzt du da wie eine weich gekochte Birne! Er kann dich nicht unterwerfen! Er wird nie die Herrschaft über dich gewinnen! Bereits während des ersten Kusses wirst du Eike vermissen, du wirst dich nach seiner groben starken Hand sehnen, du wirst dir einen Schlag wünschen und noch einen. Und du wirst dir wünschen, in die Knie gedrückt zu werden, während er seine Hose öffnet!» Uri Nachtigall sah die Kommissarin noch immer erwartungsvoll an, während sie durch ihn hindurch blickte, als habe sie mit ihrem Lachen über ihn ihre Seele verloren. Er ergriff die Initiative: «Frau Kommissarin, ich danke Ihnen, dass Sie mir meine Sachen, insbesondere mein ThinkPad gebracht haben. Obwohl ich natürlich sagen muss, dass mich die polizeiliche Ermittlung gegen mich in gewisser Weise durchaus auch beunruhigt. Insbesondere das Vorgehen Ihres Kollegen war alles andere als korrekt.» Das Geschwätz des Delinquenten ließ Nilam verstummen. Johanna sah ihn nun scharf und etwas verächtlich an: «Wenn Sie nichts ausgefressen haben, haben Sie auch nichts zu befürchten!» «Ich habe dennoch meine Anwältin kontaktiert und werde mich weiterhin mit ihr absprechen!» «Ja, tun Sie das! Sie wollte Sie ohnehin suchen!» «Suchen?» fragte Uri Nachtigall. «Ja, haben Sie ihr denn nicht gesagt, wo Sie stecken? «Nicht direkt. Aber ich bin auf ihr Anraten hin hierher gefahren.» «Dann wird sie Sie sicher bald hier aufsuchen!» «Wessen werde ich eigentlich beschuldigt?» fragte er unvermittelt. «Ich kann mich nicht erinnern, etwas Böses getan zu haben.» «Das macht Sie nicht gerade unverdächtig», erwiderte die Kommissarin, worüber er schmunzeln musste: «Ja, in Ihrem Beruf sind alle verdächtig, nicht wahr?» Johanna mochte sein Schmunzeln und wollte ihn ein wenig herausfordern: «Nicht nur verdächtig. Meist liegt irgendwo auch eine Schuld begraben, die ich zu Tage fördere.» «Ach? Dann folgen Sie mir in meinen Keller; exhumieren wir die Leichen gemeinsam!» antwortete er. Nilam rauschte wie eine wild gewordene Hexe durch Johannas Unterstübchen: «Er benimmt sich überhaupt nicht wie ein Delinquent! Und du? Du plauderst harmlos und untätig mit diesem Schurken, statt ihn zu Boden zu werfen, zurecht zu weisen und nieder zu treten! Eine Kakerlake der Schuld ist er, und du unternimmst nichts als Kammerjägerin. Unfassbar ist das! Unfassbar!» «Frau Kommissarin, haben Sie Kopfschmerzen?» fragte er um Johanna besorgt, was er selbst nicht verstehen konnte. War das nicht eine gute Gelegenheit, eine Gunst des Augenblicks, die Schwäche seiner Verfolgerin auszunutzen und sie auszuquetschen?

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