Zur späten Stunde denke ich noch an die Psycho-Villa, kann meinen armen Helden doch nicht mit dieser Polizistin allein lassen. Aber richtig schlaflos wird es erst, wenn Luisa, die kleine Schwester der Polizistin sich auf den Weg in die Villa macht. Folge 57 von SOKRATES...

Uri Bülbül
Johanna musterte ihn kurz – aber lang genug, um Nilam wieder auf den Plan zu rufen: «Er ist ein Schlappschwanz! Das sehe ich sofort! Was willst du nur von diesem Kerl! Steh auf und geh! Aber lege ihm vorher Handschellen an. Diese dämliche Schwester kann ihn ja wieder befreien, wenn sie es bemerkt.» Nilam amüsierte sich bei diesem Gedanken. Sie stellte sich vor, dass er sich nicht traute nach Hilfe zu rufen. Still und schweigend würde er an die Heizung gekettet abwarten, bis jemand käme. Und wahrscheinlich würde er zu Gott beten, dass es nicht der freche Rotzlöffel wäre, der ihn entdeckte. «Nichts.» sagte Johanna. Er sah sich eher Hilfe suchend als fragend an. «Sie dürfen gar nichts von mir erfahren». Zu ihrer Überraschung lächelte er ganz locker und charmant: «Und Sie dürfen alles von mir erfahren. Verraten Sie mir doch wenigstens Ihren Namen!» «Johanna Metzger», antwortete sie zu spontan, wie fand. Aber es war zu spät, und er hatte den inoffizielen Unterton in ihrer Stimme bemerkt. «Uri Nachtigall» sagte er ihr die Hand entgegenstreckend. Unwillkürlich erwiderte sie seine Geste und kam erst zu sich, zu der Kommissarin, die zu sein Nilam ihr abverlangte, als eine wohlige Wärme ihren Körper durchströmte, als sich ihre Hände berührten. Johanna obsiegte über Nilam und ließ es geschehen. Es wurde ein zarter, warmer, freundschaftlich fester Händedruck, der sogar das nötige Quäntchen Überlänge von flirtender Zärtlichkeit enthielt. Nilam war außer sich: «In der Hölle sollst du schmoren, elende Hure!» schrie sie. Das aber löste bei Johanna genau das Gegenteil, von dem aus, was Nilam wollte: «Das könnte doch jetzt der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, nicht wahr», sagte sie zu Uri Nachtigall, der ihr fest in die Augen sah und nickte. Sie wollte es Nilam so richtig zeigen! «Ich muss jetzt gehen», sagte sie zu Uri, «schau du dir in aller Ruhe deine Daten an und arbeite an deinem ThinkPad. Ich komme wieder. Und hier ist meine Karte – falls dir noch etwas einfallen sollte», fügte sie scherzend und flirtend hinzu. Uri Nachtigall nahm klopfenden Herzens und schier sprachlos die Visitenkarte an und öffnete Johanna höflich die Tür.
«Na, Schwesterchen, hast du deine Tage?» Die Wohnung schien in Chaos zu versinken. Johanna hätte Luisa an die Wand klatschen können. Nichts war aufgeräumt und nichts eingekauft oder zum Abendessen vorbereitet. Die Kleine lag in ihrem Bett, hatte ihren Laptop aufgeschlagen, den Fernseher laufen und ihr Smartphone zum Chatten über Whatsapp in der Hand. Das alles hätte Johanna noch halbwegs wegstecken können, ohne Einbußen an ihrer Stimmung zu erleiden, die so gut war wie schon seit langem nicht mehr. Sie hätte singen können – krumm und schief, laut und kreischend, gewiss nicht einer Arie gleich, aber doch so emotional und der Idee einer wunderbaren Arie folgend: der Liebe himmlisches Gefühl ist nicht an unsere Macht gebunden, ist nicht an unsere Macht gebunden, ein einziger Blick entscheidet viel, noch hat mein Herz ihn nicht

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