Gestern Nacht saß ich im Bett und schrieb. Das Telefonat der beiden Frauen ließ mir keine Ruhe. Ihr werdet euch fragen: welches Telefonat? Nein, so weit sind wir noch lange nicht. Hier die Folge 58 von SOKRATES, dem kafkASKen Roman...

Uri Bülbül
gefunden – nicht gefunden? Die Anrufliste mit den entgangenen Anrufen der Mutter löschte Johanna kurzerhand. Was wollte die Alte nur von ihnen? Luisa wusste das auch nicht; und es interessierte sie herzlich wenig. Lieber richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die gebratene Ente in Erdnuss-Sauce und den Salat, den sie unbedingt dazu haben wollte. Und sie war die letzte, die es ihrer kleinen Schwester nicht nachmachen wollte. Sie entschied sich für Rind in scharfer Sauce und eine Frühlingsrolle: der Liebe himmlisches Gefühl nicht an unsere Macht gebunden, ein einziger Blick entscheidet, vielleicht, ja vielleicht, hab ich ihn schon gefunden trällerte sie im Geiste und hörte wie aus der Ferne die Frage ihrer Schwester: «Hattest du einen stressigen Tag?»
Gut gesättigt, mit einem schönen schweren Bäuchlein und einem feinen Müdigkeitsgefühl kuschelte sich Johanna in ihr Bett, hatte sich noch einen Früchtetee gekocht und ihr Tablet mitgenommen. Sie googelte Uri Nachtigall und stieß auf die Leseprobe bei Amazon für ein Buch namens «Paradieseologie». Es gab auch einen Rezensenten namens Zodiac, der unter der Überschrift «Ansichten eines schrägen Vogels» einen kleinen Kommentar zum Buch geschrieben hatte. «Ich werde mich mit diesem Zodiac unterhalten», ging es ihr durch den Kopf. Sie musste wissen, wie gut er Uri Nachtigall kannte. Ihr kriminalistisches Interesse ging in private Neugier über, was ihren ganzen Körper kribbeln ließ. Ahnungslos, dass im Nebenzimmer die Neugier ihre Schwester Luisa auch Richtung Villa des Doctor Parranoia trieb, begann sie im Buch auf ihrem Tablet zu schmökern: «Alle Menschen haben, wie alle Lebewesen, einen angeborenen Lebenstrieb, der noch vor dem von Aristoteles in seiner Metaphysik erwähnten Wissenstrieb kommt und allem voran geht, weshalb meine Paradieseologie niemals mit dem Wissenstrieb beginnen könnte. Der erste Aufenthaltsort des Menschen ist kein Haus, keine Hütte, keine Höhle, seine Heimat keine Stadt, kein Dorf, kein Hof. Sein erster und ursprünglichster Aufenthaltsort ist der Garten. Der Garten aber ist ein kultivierter Ort; er ist begrenzt, er ist angelegt, er ist gestaltet. Die Pflanzen werden gehegt, gepflegt, beschnitten, veredelt, gekreuzt und gezüchtet. Der Garten ist die Verschmelzungsstelle des Geistes mit der Natur – die Erfüllung des geistigen Plans. Wer die Paradieseologie verstehen will, muss wissen, dass wir es mit einem Gott zu tun haben, der der Logik seiner Schöpfung unterworfen ist, so, wie er in seiner Allmacht keine Mauer bauen kann, über die er nicht springen könnte.»
Wäre Johanna nicht im Internet unterwegs gewesen, sondern in der physikalisch-räumlichen Welt, so wäre es schier unvermeidlich, dass sie ihrer kleinen neugierigen Schwester begegnete, die ebenfalls in der Paradieseologie schmökerte und diesem Uri Nachtigall eine Email zu schreiben gedachte, wenn sie ihn nicht auf facebook oder auf ask.fm oder einer ähnlichen Plattform fand. «Er schreibt so süß», dachte Luisa...

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