Nun kommt die 62. und für dieses Jahr letzte Folge des kafkASKen Fortsetzungsromans SOKRATES. Falls es jemand nicht mitbekommen haben sollte, Nr. 61 ist hier: http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/123669712825 hinter einem schlichten Nö.

Uri Bülbül
Bisher hast du dich auch nicht um uns geschert. Und dabei sollte es auch bleiben, verdammt!» «Es war ein großer Fehler, ein wahnsinnig großer Fehler. Ich weiß nicht, was ich sagen soll...» «Dann ruf auch nicht an! Du nervst einfach!» Johannas Mutter jammerte: «Bitte, Johanna, bitte, leg jetzt nicht auf! Ich muss es erfahren. Ich muss es von dir erfahren.» «Gar nichts musst du! Du hast immer weggesehen, du hast es immer ignoriert. Du hast an deiner heilen Welt geklebt. Alles andere war die völlig Wurscht! Und jetzt, da wir schon lange unseren Seelenfrieden gefunden haben, jetzt fängst du an zu nerven?» Nilam brach in schallendes Gelächter aus bei dem Wort «Seelenfrieden». Johanna warf das Telefon weg, um sich mit beiden Händen die Ohren zuhalten zu können. Aber Nilams Gelächter durchdrang alles; ließ ihre Schädeldecke von innen vibrieren. Und immer wieder brachte sie zwischen ihren hysterischen Lachern das Wort «Seelenfrieden» hervor. Johannas Mutter hatte noch nicht aufgegeben. Sie jammerte und klagte, bat und bettelte auf der Bettdecke ahnungslos, dass Johanna im Augenblick sich gänzlich ins Aus geschossen hatte. «Johanna, es tut mir so unendlich Leid. Bitte, ich verlange nicht, dass du mir verzeihst. Ich möchte doch von dir nur die Wahrheit erfahren. Ich möchte wissen, was euer Vater mit euch Mädchen gemacht hat.» Nilam lachte nicht mehr. «Johanna? Johanna! Bist du noch da?» Johanna hatte nicht aufgelegt. Man konnte die Stille im Raum hören. Da witterte die Mutter ihre Chance: «Johanna, bitte, sprich zu mir. Es ist nicht zu spät. Es kann nicht zu spät sein. Wir leben noch. Ich war blind. Ich war taub. Ich war naiv. Ich war blöd. Ja, ich war blöd. So blöd, dass ich Angst hatte, die Wahrheit zu erfahren. Es ist unverzeihlich. Und ich erwarte nicht, dass du mir vergibst. Ich werde Luisa und dich in Zukunft auch nie wieder anrufen. Ich werde euch immer in Ruhe lassen. Aber ich muss es jetzt ganz genau wissen. Ich muss wissen, was euch dieses Schwein angetan hat – dieses perverse Schwein!» Johanna starrte reglos auf das Telefon. «Eigentlich muss ich jetzt die Paradieseologie weiterlesen», dachte sie, «ich habe gar keine Zeit für diese perversen Geschichten. Warum soll ich ausgerechnet jetzt mit meiner Mutter darüber sprechen? Vor zehn Jahren wäre es aktuell gewesen und vor zwei Jahren bei Luisa. Aber jetzt? Jetzt gab es nichts zu reden. Jetzt musste sie sich dringend auf das Buch dieses Verdächtigen konzentrieren. Sie musste seinen Fall lösen. Und die Paradieseologie konnte womöglich etwas dazu beitragen, diesen Menschen besser zu verstehen. Ja, das war im Moment wichtig und nicht diese heulende und wimmernde, bittende und bettelnde sorgenvolle Mutter, die jahrelang alles nur ignoriert hatte – in den entscheidenden Momenten hatte sie die entscheidenden Signale nicht wahrgenommen, nicht wahrnehmen wollen. Und als sie damals vorsichtige Andeutungen zu machen versuchte, weil sie selbst nicht genau verstand, wie sie es sagen sollte,...

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