Die erste Folge des Sokrates in diesem Jahr, Nr. 63 insgesamt, sollte nun nicht mehr länger auf sich warten lassen. Furchtbares bahnt sich an...

Uri Bülbül
Und als sie damals vorsichtige Andeutungen zu machen versuchte, weil sie selbst nicht genau verstand, wie sie es sagen sollte,
Teil 63
fuhr ihr ihre Mutter über den Mund. Da wurde vom Thema abgelenkt. Da wurde nach den Hausaufgaben gefragt, nach irgendwelchen Belanglosigkeiten in der Schule oder nach der Nachmittags- und Freizeitgestaltung. Und ihre zehn Jahre jüngere Schwester konnte natürlich erst recht nicht helfen. Sie ging in den Kindergarten, erwartete mit Freude und Fragezeichen aufgeregt ihre Einschulung, hüpfte und sprang durch den Alltag, nervte mit ihrem Eigensinn und wollte eine Menge Aufmerksamkeit. Und Johanna dachte, dass das Kleine so völlig ahnungslos war, was noch auf sie zukommen konnte.» Sie fühlte sich damals schon verantwortlich für Luisa. Sie wollte ihre kleine Schwester viel besser beschützen, als es ihre Mutter konnte oder wollte. Und besonders dieser letzte Teil des Gedankens schmerzte Johanna sehr. Wahrscheinlich liebte ihre Mutter sie nicht genug. Sie beschloss damals, alles wieder gut zu machen – auch wenn das ein langer Weg sein sollte. Und nun konnte man doch wirklich sagen, dass das Ziel schon längst erreicht war. «Nein», widersprach Nilam, «nein, nichts ist erreicht. Und du wirst noch zu einer Verräterin! Und denk daran, dass dein Vater dich auch geliebt hat. Sehr viel inniger und intensiver als deine Mutter. Er wusste dich zu nehmen und es dir zu zeigen! Er hat dir alles beigebracht, woran du Freude hast – ich meine wirkliche, wahrhafte, ganz körperliche Freude.» Nilam lachte und kicherte irre. «Johanna, sag mir, was passiert ist! Sag mir, was dieses Monster mit euch getan hat! Und ich werde euch nie wieder belästigen.» «Wozu soll das gut sein?» fragte Johanna und nahm das Telefon wieder ans Ohr. «Was willst du schon wieder gut machen? Du kannst es nicht. Du kannst es einfach nicht!» Als sie das sagte, ging ihr aber etwas anderes durch den Kopf: Nein, die Mutter konnte es nicht wieder gut machen. Sie selbst aber schon. Es war der Weg scheinbar noch nicht ganz zu Ende gegangen. Also musste sie die letzte Etappe noch durchschreiten. Sie hörte ihre Mutter erzählen: «Kaum war Luisa etwa drei Jahe alt, da hat euer Vater aufgehört sich für mich als Frau zu interessieren. Ich war plötzlich Luft für ihn, nicht mehr als ein gewohntes Möbelstück, ein Sessel, auf den man sich nicht mehr setzt, der aber einfach da ist und mit zum Mobiliar gehört. Ich gebe zu, es war mir erst gar nicht so unrecht. Aber manchmal habe ich mich schon gefragt, ob er vielleicht eine Geliebte hat und uns, seine Familie, ihretwegen verlässt.» «Ja, andere Sorgen hattest du nicht!» brummte Johanna. «Aber vor einer Woche habe ich ein Paket in seinem Arbeitskeller gefunden. Es war schon geöffnet und darin waren etliche DVDs mit perversesten Filmen. Ich kann sie dir gar nicht beschreiben! So etwas kann niemals erlaubt sein! Es ist widerwärtig. Und dann kamt ihr mir in den Sinn, meine Töchter.

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