«DVDs mit den perversesten Filmen», erzählt Johannas Mutter und fügt hinzu: «Und dann kamt ihr mir in den Sinn, meine Töchter.» Wird das Johanna milde stimmen können gegen die Ignoranz ihrer eigenen Mutter, als sie so sehr unter ihrem Vater litt? Folge 64 von SOKRATES:

Uri Bülbül
«Aber vor einer Woche habe ich ein Paket in seinem Arbeitskeller gefunden. Es war schon geöffnet und darin waren etliche DVDs mit perversesten Filmen. Ich kann sie dir gar nicht beschreiben! So etwas kann niemals erlaubt sein! Es ist widerwärtig. Und dann kamt ihr mir in den Sinn, meine Töchter.
Teil 64
Meine geliebten Kinder!» «Halt die Schnauze!» entfuhr es Johanna. Dann berappelte sie sich schnell und wurde zu der Kommissarin, zu der sie sich hatte ausbilden lassen: «Wo ist das Paket mit den Filmen jetzt? Und was genau ist darauf zu sehen?» Ihre Mutter brach in Tränen aus, mehr als ein Schluchzen und Schnäuzen war nicht mehr zu hören. Sie brachte kein Wort mehr heraus. «Bitte, Mama, wo ist das Paket jetzt?» Kurz stockte der Weinkrampf: «Mutter»? So hatte Johanna sie lange nicht mehr genannt. Aber dann setzte das Heulen wieder ein, noch kräftiger, noch Herz zerreißender. Johannas Jagdinstinkt war aber nun geweckt. Sie musste unbedingt diese Filme in die Finger bekommen. Das stand für sie fest. Aber ihre Mutter konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Wieder drohte Johanna, die Geduld zu verlieren. «Los verdammt! Sag schon! Wo ist das Paket jetzt!» Ihre Mutter aber legte auf. Johanna sprang vor Wut aus dem Bett. «Nein, so nicht! So nicht, Muttchen! Dieses Mal nicht! Das kannst du mit mir nicht machen! Ich werde diesen Schweinehund dieses Mal festnageln!» schrie sie wutentbrannt, während sie immer wieder die Telefontasten zu drücken und ihre Mutter anzurufen versuchte und sich aber vor Aufregung und Wut immer wieder vertippte.
Die ersten beiden Schulstunden hatte die ehrgeizige Deutschlehrerin Frau Sophie Rosenberg-Kübel Heiner Müller gewidmet und versuchte gemeinsam mit der Klasse ein Gedicht von diesem, wie sie ihn nannte, bedeutendsten deutschen Dramatiker nach Bertolt Brecht, zu interpretieren. Der Klasse war Bertolt Brecht schon egal. Was sollte sie da mit der zweiten Garde nach ihm anfangen können? «Herzkranzgefäß» hieß das Gedicht und es ging darin wohl um das Lebensgefühl des Dichters nach einem Herzinfarkt. «Ich fand dieses eine Gedicht von Brecht schon ziemlich schwul und nun von dem zweiten Mann auf dem Dichterpodest, von diesem Müller, finde ich es einfach jämmerlich», sagte Christoph und sprach damit den meisten in der Klasse aus der Seele. Luisa nannte ihn ihr «Stoffelchen». Sie warfen sich nach dieser Wortmeldung verschwörerische Blicke zu, ein wenig erhoffte sich Christoph Unterstützung von Luisa. Aber sie war nicht bei der Sache gewesen und hatte nur zerstreut aufgesehen, als sie Christophs Stimme gehört hatte. Sie las in der Paradieseologie des Uri Nachtigall und war in Gedanken weit, weit weg von irgendwelchen Herzkranzgefäßen. Aber so ganz tatenlos wollte sie nun auch nicht bleiben und ihr Stoffelchen alleine lassen mit der Rosenberg-Kübel – immerhin hatte er ihr vor der Schule versprochen, ihr sein Moped zu leihen, weil sie unbedingt nach Venusberg zu einem Landschloss oder einer Villa oder etwas ähnlichem fahren wollte.

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