Wir dürfen nicht vergessen: Luisa ist unterwegs ins Irrenhaus; ihr Handyakku ist leer und ebenso leer auch der Tank ihres Mopeds - sie mitten im Wald... Aber erzählen wir doch noch ein wenig von den Plaudereien im Speisesaal des Irrenhauses ;) SOKRATES Teil 72:

Und er konnte ihren Blick noch immer nicht recht deuten: war es Angst? War es Sorge? Sorge, dass Uri etwas Falsches sagen und Basti damit verletzen könnte? Oder machte sie sich eher Sorgen um Uri Nachtigall, dem Neuankömmling, der in einen Fettnapf zu treten drohte? Betty sah weitaus gelassener aus. Nicht, dass ihr das alles egal gewesen wäre. Sie schien sich nur keine Sorgen zu machen. Für sie schien es klar, dass das Gespräch gut ausgehen würde, selbst dann, wenn der Neue in einen Fettnapf trat. Vielleicht aber würde auch gar niemand zu Besuch kommen. Und genau diesen Gedanken sprach der Neue auch aus: «Wenn du ihr das so gesagt hast, dann kommt sie vielleicht erst gar nicht!» Basti schüttelte über so viel Unverstand nur den Kopf. Und Uri Nachtigall wechselte das Thema: «Wie bist du eigentlich an den Revolver gekommen, den du hattest?» «Ich habe ihn im Wald gefunden. In einem Versteck. Da sind übrigens noch mehr Waffen. Ich habe mir gleich noch einen Revolver geholt. Meinen ersten hat ja die Polizistin behalten.» «Ja, sie hat ihn konfisziert», murmelte Uri und Basti fragte sofort: «Was heißt „konfisziert“?» «Beschlagnahmt», erklärte Uri reflexartig. «Polizisten dürfen Waffen beschlagnahmen, wenn man sie unerlaubt mit sich führt.» «Komisch», sagte Basti. Seine Tischnachbarn sahen ihn fragend an: «Du drückst dich komisch aus», dann äffte er Uri Nachtigall nach: «...wenn man sie unerlaubt mit sich führt – klingt wie auswendig gelernt.» Lara lachte Uri freundlich an: «Klingt etwas geschwollen, finde ich.» «Wie auch immer. Aber Waffen gehören doch nicht in Kinderhände. Was ist, wenn damit etwas passiert?» «Ich bin kein gewöhnliches Kind!» protestierte Basti. «Aber das begreifst du nicht. Hast du schon heraus gefunden, wer uns schreibt? Das ist auch der Typ, der dich ein bißchen döfer hält, als er selbst ist.» Betty beschwichtigte Basti ein wenig: «Uri ist neu. Er braucht noch ein bißchen, bis er sich in unserer Welt zurecht findet. Deswegen musst du ihm nicht so hart in die Parade fahren und schon gar nicht in seinem Zimmer mit einer Pistole herumfuchteln, Basti.» «Er verfälscht womöglich die ganze Geschichte!» protestierte Basti wieder. «Jetzt übertreibst du», sagte Betty in einem ganz ruhigen Ton. «Erstens verdient jeder Mensch eine Chance. Also musst du auch Uri eine Chance geben und zweitens – was heißt schon „er verfälscht die Geschichte“? Es gibt keine falsche Geschichte. Sie nimmt höchstens einen anderen Verlauf, als du denkst!» Lara richtete ihre großen strahlenden Augen auf Basti und nickte zustimmend, was ihn ein wenig zu beruhigen schien. «Jedenfalls kommt noch einiges auf uns zu», brummte der Junge. Uri Nachtigall versuchte zu verstehen, was er damit meinen konnte. Aber er konnte sich keinen rechten Reim darauf machen. Ein Junge, der behauptete, in den Träumen anderer Menschen zu erscheinen und bei ihnen Bestellungen aufzugeben, hatte zumindest eine blühende Phantasie, wenn man ihn nicht als psychisch krank bezeichnen wollte.

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