SOKRATES - Der kafkASKe Fortsetzungsroman Teil 74: Basti kann Luisas Ankunft kaum noch erwarten. Er wird schon unruhig beim Essen, hilft beim Abräumen des Tisches gar nicht mit. Luisa aber muss ihr Moped schieben, weil sie vergessen hat zu tanken.

Uri Bülbül
Das war kaum zu übersehen. Aber Stoffel der Trottel hatte das noch nicht bemerkt. Noch hatte er nur Augen für Luisa; aber das konnte sich ja schnell ändern. Marie machte einen auf stille, besorgte Mütterlichkeit. Die „stille Marie“ wurde sie deshalb genannt, weil sie mit Nachnamen „Ruh“ hieß und sie den Namen immer mit den Worten vorstellte «Ruh wie still ohne „e“» Irgendjemand aus der Klasse hatte sie aus diesem Grund „die stille Marie“ getauft. Sie war aber in der Tat auch eher ein stiller Typ. Hilfsbereit und zurückhaltend. Und dann doch immer präsent und raumgreifend. Eine echte Schleimkuh! Ich muss bei Gelegenheit mal dem Stoffelchen meinen kleinen Finger reichen, damit er auf den Geschmack kommt, plante sie. Aber im Moment schien sie von dieser Gelegenheit weit entfernt. Irgendwo im Wald etliche Kilometer hinter dem Venusberg. Wenn sie nun nach Hause schieben musste, konnte das mehr als eine Tagesreise werden – so fühlte es sich zumindest an, als sie sich mit dem Moped wieder in Bewegung setzte. Zweifellos war sie näher an der Villa als an Zuhause. Daher kam Umdrehen überhaupt nicht in Frage. Zur Not konnte sie von der Villa aus Johanna anrufen und sich abholen lassen. Natürlich wäre das eine elende Niederlage, aber besser als einen oder zwei Tage lang das Moped nach Hause zu schieben. Nach weiteren zwanzig Metern blieb sie wieder stehen. Ihr Unterleib schmerzte, ihre Stimmung ging deutlich in den Keller. Sie fragte sich, was besser wäre, umzukehren und auf der Landstraße auf ein vorbeikommendes Auto zu warten, um damit in die Stadt zurückzukehren, oder den Weg zur Villa weiter zu gehen. Ich werde dieses Moped bestimmt nicht die ganze Zeit und den ganzen Weg schieben, dachte sie wütend. Sie hätte es am liebsten an der Landstraße in den Straßengraben geworfen und wäre wieder nach Hause getrampt. Sollte sich doch Stoffel selbst um seine Dreckskarre kümmern! Währenddessen aber schob sie das Moped wieder Richtung Villa weiter. Wie um sich abzulenken, dachte sie an ihre Deutschlehrerin: Was hatte die Rosenberg-Kübel nur gegen sie? Sie konnten sich nicht leiden. Das war klar und beruhte auch auf Gegenseitigkeit. Aber Rosenberg-Kübel übertrieb es mit ihrer Abneigung. Statt sich als Lehrerin mindestens um Sachlichkeit und Distanz zu bemühen, machte sie überhaupt keinen Hehl aus ihrer Antipathie gegen Luisa. Manchmal unterstrich sie sie sogar durch deutliche Bemerkungen wie «Ich hätte dir gerne eine schlechtere Note gegeben, aber mehr Punkte konnte ich dir leider für deine miese Rechtschreibung und Zeichensetzung nicht abziehen!» oder wenn Luisa streckte und sich am Unterricht beteiligen wollte, nahm Rosenberg-Kübel sie mit dem Spruch dran: «Ich weiß, dass du nichts weißt, aber versuch dein Glück!»

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