In einem Menschenleben ist diese Zahl als Geburtstag rund und groß, in einem Serienroman fast verschwindend gering. Werfen wir doch mal wieder einen Blick weg von der Psychovilla in das Leben der Kommissarin Johanna Metzger. SOKRATES Folge 80...

Uri Bülbül
Und dann sind sie einfach abgezogen und haben mich liegen lassen, damit ich ihnen nicht das Auto vollblute, haben sie gesagt. Aber eigentlich sei ich verhaftet. Daraufhin habe ich eine Freundin angerufen, die Anwältin ist. Als sie sich die Geschichte angehört hatte, meinte sie, das wäre ein Fall für DoctorParranoia. Ich glaube, er kümmert sich als Forensiker unter anderem um paranormale Kriminalfälle.» «Hat dir das deine Anwaltsfreundin erzählt?» fragte Betty. «Ja, so ähnlich.» Er versuchte den versteckten Tonfall in ihrer Stimme zu deuten; war darin etwas Sarkastisches? Lara lenkte ihn ab: «Und nun traust du dich nicht nach Hause, weil dort wieder die Polizisten auftauchen könnten?» Uri sah auf den Boden. War das so? «Witzigerweise wurden mir meine wichtigsten Utensilien vom Schreibtisch in die Villa nachgetragen...» er machte eine kleine Pause, als wäre ihm plötzlich ein Einfall gekommen. «von der Kommissarin Metzger – Johanna Metzger.» «Basti hat erzählt, sie hätte dich besucht», sagte Lara. «Ja... ja, ja...» murmelte Uri Nachtigall.
Die Morgenruhe der Kriminalkommissarin Johanna Metzger war hin mit dem Anruf ihrer Mutter. Dabei hätte sie noch fast zwei Stunden Zeit gehabt bis zum Dienstantritt. Nun gingen ihr die Worte und die Stimme der Mutter nicht mehr aus dem Kopf. Warum ist unser Kopf rund? Damit unsere Gedanken besser kreisen können. In diesem Fall kreiste eine Kreissäge in Johanna Metzgers Kopf. Und diese Säge würde alles in ihrem Dasein zerstückeln – eigentlich bis nur noch Sägemehl übrig blieb. Aber nun war die Sache in Gang, nun ließ sich nichts mehr aufhalten, durch nichts und niemanden... Da war sie die Stimme, die sagte: «Er wusste dich zu nehmen und es dir zu zeigen! Er hat dir alles beigebracht, woran du Freude hast – ich meine wirkliche, wahrhafte, ganz körperliche Freude.» Nein, Johanna suchte schnell ihre Anziehsachen zusammen. Bekleidung wollte sie das nicht nennen. Nein, einfach nur den Geschmack des Morgens loswerden, schnell in die Klamotten und los – das Tagwerk der Säge verrichten. Nilam war wieder da und lachte. Nilam lachte sie aus: «Ruf Eike an, sag ihm, was du vorhast! Damit er sich kaputt lachen kann über deinen plötzlichen Heldenmut.» Und die Stimme ihrer ahnungslosen Mutter, was zumindest Ignoranz war, wenn nicht gar mehr: Mittäterschaft durch Duldung! Wirkliche, wahrhafte, ganz körperliche Freude! Dass sie nicht lachte! Schmerz, Scham, Irritation. Nichts fühlte sich richtig an, geschweige denn richtig gut! Jetzt aber rotierte die Säge, die Kreissäge, die Kettensäge, die Motorsäge, jetzt ging es ans Eingemachte! Aber was genau hatte die Mutter bewogen, sie anzurufen? Warum ausgerechnet jetzt, wo alles in ein bestimmtes schier ordentliches Gleichgewicht gekommen war? Was erzählte ihre Mutter da? ««Kaum war Luisa etwa drei Jahe alt, da hat euer Vater aufgehört sich für mich als Frau zu interessieren. Ich war plötzlich Luft für ihn, nicht mehr als ein gewohntes Möbelstück, ein Sessel, auf den...

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