Niemand fasst in eine laufende Kettensäge, um sie zu stoppen. Das käme einer Selbstverstümmelung gleich: SOKRATES - Der kafkASKe Fortsetzungsroman. Folge 81...

Uri Bülbül
...man sich nicht mehr setzt, der aber einfach da ist und mit zum Mobiliar gehört. Ich gebe zu, es war mir erst gar nicht so unrecht. Aber manchmal habe ich mich schon gefragt, ob er vielleicht eine Geliebte hat...» Was redete diese Königin der Ignoranz und Dummheit da? Was hatte das Ganze mit Luisa zu tun? «Kaum war Luisa drei Jahre alt...» Na und? Sie wollte und wollte einfach nichts begreifen. Alles schön unter den Teppich kehren, den Schein wahren. Nach außen eine glückliche Familie abgeben. Nichts anderes war ihr wirklich wichtig. Nicht einmal sie sich selbst! Ein Sessel, auf den man sich nicht mehr setzt, der aber einfach da ist. Ja, das passte sehr gut auf sie. Man konnte sich nicht auf sie setzen, weil man sich niemals auf sie verlassen konnte. Verließ man sich auf sie war man verlassen – vielleicht bis auf den grausamen Franz Joseph Metzger, ihren Erzeuger, den sie nie, nie wieder „Vater“ nennen würde. Nun lief die Kettensäge. Jetzt würde sie den Baum fällen. Kleinholz würde sie aus ihm machen. Er konnte ihr nicht entwischen. So selbstsicher und unbeweglich stand er vor ihr, so gigantisch und einst imposant, nun aber todgeweiht. Nilam wagte sich nicht mehr zu rühren – so sicher gab sich Johanna, so entschlossen und unhaltbar wirkte sie. Niemand würde in eine routierende Kettensäge greifen, um sie zu stoppen. Das wäre die reinste Selbstverstümmelung. Johanna hatte ihr Zuhause, das ihr zum Ort der Erniedrigung und körperlichen Versklavung wurde, mit ihrer Aufnahme in die Polizeiakademie verlassen. Klar war das BAFÖG spärlich, aber genug, um nicht bleiben zu wollen. Und dieser dumm schwätzende Sessel, der sich nun telefonisch zu melden gewagt hatte, hatte ihr geraten, doch lieber zu Hause wohnen zu bleiben. Hier habe sie doch alles. Warum um Himmels Willen, wolle sie ausziehen? Ja, warum wohl? Johanna befestigte ihr Pistolenhalfter an ihrer Hose, wobei sie automatisch den Sitz der Waffe noch einmal überprüfte. Sie fühlte sich gerüstet. Warum rief die Mutter nun an? Was war der Anlass? Johanna hatte ihr damals klipp und klar gesagt: «Ich ziehe aus. Basta! Und niemand wird mich daran hindern!» Luisas traurige Augen, als sie es hörte, würden Johanna niemals aus dem Sinn gehen. Aber darauf konnte sie in jenem Moment keine Rücksicht nehmen. «Noch bist du sicher, kleine Schwester. Noch bist du hier bei Mama gut aufgehoben!» sagte sie Luisa und nahm sie herzlich in den Arm. Johanna hatte keine Zeit zu verlieren. Über die Tage nicht, über die Jahre nicht. Sie wollte und musste die Polizeiakademie bestens und schnellstens absolvieren. Dann erst konnte sie wirklich für ihre Schwester da sein und hoffte sehr, dass es noch rechtzeitig wäre. Als sie das Haus nun verlassen wollte, nahm sie ihre Umhängetasche, was ihr einen kurzen Moment lang seltsam schwer erschien. Dann fiel ihr der Grund ein. Diese Gelegenheit ergreifend, meldete sich Nilam doch noch zu Wort: «Sicher? Bist du sicher, dass Luisa in Sicherheit ist? Du denkst, sie ist in der Schule, ha,ha

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