SOKRATES, der kafkASKe Roman bekommt nun seinen 84. Teil. Wir sind noch immer in Johanna Metzgers Elternhaus; Johanna kommt auf einen Gedanken, den sie bisher nie gehabt hatte. Wird sie noch Verständnis für ihre teilnahmslose Mutter entwickeln?

Uri Bülbül
Er hatte nach der Geburt ihrer zweiten Tochter in wenigen Jahren sein Interesse an ihr fast völlig verloren. Sie hatte es stillschweigend akzeptiert. Schließlich wusste er ohnehin nie, was ihr gefiel und was nicht. Er war grob, kurz angebunden und sehr selbstzufrieden. Die kleine Luisa war im Kindergartenalter, da erkaltete alles zwischen den beiden. Aber das war die falsche Zeitrechnung! Sie hatte ihre Aufmerksamkeit, wenn man denn überhaupt davon sprechen konnte, auf die falsche Person fokussiert. Niemals hätte sie gedacht. Nein, sie konnte diesen Gedanken noch immer nicht zulassen. Sie konnte ihn nicht vor sich selbst aussprechen. Sie hatte nur eine Schimäre irgendwo im Dunkeln gesehen und sich gefürchtet – furchtbar erschreckt. Aber wahrscheinlich, nein ganz sicher, war da nichts! Ihre Töchter aber gingen nicht ans Telefon. Es kränkte sie, dass es in der heutigen Zeit unmöglich ist, jemanden wegen Ehebruch anzuzeigen. Ohnehin war ihr Selbstbewusstsein durch sein ständiges Verschwinden im Keller stark in Mitleidenschaft gezogen. «Warum gibst du den Antrag erst heute Abend ab?», fragte sie misstrauisch. «Schatz, das hab’ ich dir doch erzählt. Ich muss auf die Baustelle. Und danach wollte ich mit dem Nederkorn und den Jungs noch einen heben gehen», erklärte er. Ihre Welt war in Aufwallung geraten. Nichts war mehr, wie es war. «Der letzte Bauabschnitt – das muss gefeiert werden! Heute gießen wir die letzten tragenden Wände und Säulen!» Er war stolz und überheblich wie immer. Jetzt aber sah sie es, wie sie es nie zuvor gesehen hatte. Sie hatte sich immer der Illusion hingegeben, dass in seinem Verhalten ihr gegenüber Respekt enthalten war. Nun aber war die Fassade zerbröckelt und alles erschien wie eine billige Karnevalsmaskerade. Wie konnte sie das alles nur geglaubt haben?***
«Mutter! Hallo Mutter! Wo bist du nur im Geiste? Ich rede mit dir!» Johannas Mutter reagierte nicht. Sie hatte aufgehört zu weinen. Es war, als wäre ihre Seele aus ihrem Körper in weite Ferne entrückt. Ein Zustand, den Johanna sehr gut nachvollziehen konnte. Es ging ihr früher auch nicht anders, wenn sie mit ihrem Vater alleine war und es ihm beliebte, seine Spielchen mit ihr zu spielen. So war auch Nilam in Johannas Leben getreten. Plötzlich eines Tages war sie da. Sie schien diese widerlichen Spiele zu genießen, ja, geradezu obsessiv zu begehren. Johanna wollte mit Nilam eigentlich nichts zu tun haben. Aber sie war nun einmal da und wollte auch nicht wieder verschwinden. «Komm, frag doch mal deinen Vater, ob er nicht mit uns einkaufen gehen möchte, dann können wir uns wieder amüsieren, und du bekommst eine schöne Jacke, eine Tasche oder eine Bluse. Oder möchtest du lieber wieder schöne Schuhe? Dieses Mal Stiefel vielleicht?» Nun aber würde es bald endgültig vorbei sein mit Nilam – das stand für Johanna ein für allemal fest. Vielleicht hatte ihre Mutter ja auch so jemanden bei sich wie Nilam. Daran hatte Johanna nie zuvor gedacht.

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