SOKRATES - der kafkASKe Fortsetzungsroman. Teil 87... Leben und Sterben im Hause Metzger

Uri Bülbül
Was sie aber dort vorfand, überstieg jegliches menschliche Fassungsvermögen. Der Keller war eigentlich schon immer wie ihr Leben auch zweigeteilt. Es gab ihren Bereich mit Waschküche und Bügelbrett, Einmachgläsern und einem Weinregal – das war großzügiger Weise auch ihr zugeordnet worden; und es gab seinen verschlossenen Kellerbereich, was sie niemals betreten hatte. Auch war die feuersichere Eisentür stets verschlossen und abgeschlossen. Aber sie hatte auch nie das Bedürfnis gespürt, zu ergründen, was er sich dort für eine Welt eingerichtet hatte. Und wenn er dort eine ganze Bibliothek von Pornoheften angelegt hatte, scherte es sie nicht. Sie hatte ihren Mann abgeschrieben. An diesem Abend aber wollte sie das Lügengebäude sprengen. Sie musste wissen, was er trieb. Das konnte ihr nicht mehr egal sein. Als sie die Eisentür aufschloss, schien es ihr zunächst so, als habe sie mit ihren Vermutungen nicht falsch gelegen: hier lagerte die Sehnsucht- und Lustwelt ihres Mannes, womit sie -nun musste sie schon „Gott sei dank“ sagen- nicht viel zu tun hatte: Knebel, Lederriemen, Peitschen, Handschellen, Fesseln, Masken, Nippelklemmen mit Gewichten... sie erschauerte nur wenig bei diesem Fund und wollte schon wieder in ihre eigene Normalität zurück kehren, als ihr ein gut gesicherter starker Stahlschrank auffiel, in dem man Waffen sicher verwahren konnte oder ähnliches, was nicht unbedingt einen Tresor aber doch so etwas ähnliches erforderte. Wie vermutet, war der Schrank verschlossen. Doch an dem Schlüsselbund fand sie schnell den richtige Schlüssel, der die Türen in die Unfassbarkeiten der Hölle öffnete. Plötzlich und ganz und gar unerwartet konnte sie am eigenen Fleisch spüren, wie es den ersten Soldaten ergangen sein musste, die die KZ-Tore aufschlossen und die Hölle betraten, ohne nur die leiseste Ahnung davon zu haben, was sie dort erwartete.
«Wo hast du das alles her?» fragte Johanna ihre Mutter tonlos, als sie ihre Stimme nach der Besichtigung des Paketinhalts halbwegs wieder im Griff hatte. «Aus dem Keller», antwortete sie kurz. «Das ist nur ein kleiner Teil, damit man mir überhaupt glaubt», erklärte sie. «Da ist ein Schrank mit all dem Zeugs; ein ganzer Schrank...» sie würgte. Johanna verspürte das erste Mal seit einer unüberschaubaren Ewigkeit das Bedürfnis, ihre Mutter in den Arm zu nehmen. Aber sie kam nicht dazu. «Oh, meine Hübschen sind wieder bei einander!» Franz-Joseph Metzger stand in der Tür. Kurz begriff er die Dimension dieser Begegnung nicht; aber eins und eins waren schnell zusammen gezählt: Sein Blick fiel auf das Paket. Johanna reagierte aber schneller. Sie hielt ihm ihre Dienstwaffe vor das Gesicht: «Franz-Joseph Metzger, hiermit verhafte ich Sie! Drehen Sie sich zur Wand; Hände hoch und Beine schön weit auseinander!» In seinen Ohren klang das vollkommen absurd, als spielte seine kleine Tochter einen Western oder passender: einen Kriminalfilm nach, dessen Szenen ihrem kindlichen Verstand unfassbar waren und sie ...

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