Der Todesfall wird Kreise ziehen. Die Kommissarin Johanna Metzger hat ihren Vater erschossen - wie es heißt in Notwehr. Aber es gibt Leute, die das genauer wissen wollen und Leute, die möglichst schnell die Akten schließen wollen. Warum nur? SOKRATES, des kafkASKen Romans 88. Teil...

Uri Bülbül
Er lag auf dem Boden. Johanna und ihrer Mutter dröhnte der Schuss noch in den Ohren nach. Ilka Metzger, die von ihrem Mann „Ica“ genannt wurde, stand im Raum, als ginge sie das alles nichts an. Johanna steckte ihre Smith&Wesson, in die Tasche, nahm ihr Handy, um die Kurzwahltaste mit der Nummer ihres Partners zu drücken. «Ross, komm zum Haus meiner Eltern. Mein Vater wollte sich der Verhaftung entziehen, hat mir meine Dienstwaffe aus der Hand gerissen und mich zu Boden geschlagen. Als er mich erschießen wollte, habe ich ihn in Notwehr mit einer Zweitpistole, die ich zufällig bei mir trug, außer Gefecht gesetzt. Aber ich glaube, er ist tot.» Sie machte eine kleine Pause. «Nein, habe ich noch nicht. Es ist gerade eben passiert. Bitte, leite alles notwendige ein. Ruf auch den Notarzt, aber auch die Spurensicherung. Und komm bitte schnell!» Nach dem Ende des Telefonats sahen sich die Frauen in die Augen. Aus Johannas Knochen wich die professionelle Kälte. Ilka Metzger sah auf den leblosen Körper auf dem Boden. «Wir werden unseren dreißigsten Hochzeitstag nicht mehr feiern können», murmelte sie. Johanna, die gerade einen Schritt auf ihre Mutter machen wollte, blieb wie vom Donner gerührt stehen. «Nein», sagte sie, «das werdet ihr wohl nicht machen können. Aber du kannst ihm ja ein paar Grablichter auf seinen Grabstein stellen, worauf wahrscheinlich geschrieben stehen wird: „Hier ruht der liebevolle Familienvater Franz-Joseph Metzger“» Aus den Tiefen ihres Rachens sog Ilka den Schleim der letzten Ehejahre hoch und rotze dem Toten ins Gesicht. «Er wird eingeäschert!» verkündete sie entschlossen.
Auf dem Polizeipräsidium stieß Alfred Ross mit dem Polizeipräsidenten Dr. Alfons Albermann zusammen. «Entschuldigung!» rief er im Davoneilen. «Bin im Einsatz!» «Erwarte Ihren Bericht» murmelte Dr. Albermann. «Was für eine Eile! Sie sind doch nicht bei der Feuerwehr!» Ross aber hatte diese Worte seines Vorgesetzten sicher nicht gehört. Keine Minute später saß er in seinem Porsche, in dem er mit Blaulicht vom Hof des Präsidiums raste. Er traf mit dem Notarzt und einem Streifenwagen gleichzeitig am Tatort ein. Während der Notarzt schnell ins Haus eilte, gab Ross Anweisungen an die Streifenpolizisten Verstärkung anzufordern und das Haus für Schaulustige und Journalisten abzusperren. Einer der Polizisten ging zum Streifenwagen ans Funkgerät und Ross ins Haus. Der Notarzt über den am Boden liegenden Mann gebeugt richtete sich auf und schüttelte den Kopf. «Er war schon tot, als ich ankam. Nichts zu machen. Herzschuss.» Dann zögerte er kurz. «Da ist etwas komisch...» Er zögerte wieder. Ross interessierte sich weniger für den geschwätzigen Arzt. Er sah auf den Toten und sah die Polizeiwaffe neben ihm liegen. «So? Was ist denn komisch?» fragte er dann etwas genervt.

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