Nach etwas turbulenten Diskussionen kann es etwas ruhiger in der Erzählung des kafkASKen Fortsetzungsromans SOKRATES weitergehen. Ein Sonderermittler ist im Polizeipräsidium und macht dort die Leitungsriege nervös und die Kommissarin ist wieder unterwegs... Teil 96 :)

Uri Bülbül
«Und warum haben Sie ihr das Handy nicht nach dem Unterricht wieder zurück gegeben? Oder befinden Sie sich gerade im Unterricht?» Die Deutschlehrerin wurde durch den ungeduldigen Verhörton der Schwester irritiert. «Nein, nein, der Unterricht ist schon seit zwei Stunden zu Ende. Ich will, dass die Erziehungsberechtigten persönlich das Handy abholen kommen. Ich muss mit ihnen sprechen. So geht es nicht weiter mit Luisa!» «Ich habe das Sorgerecht für Luisa! Dann müssen Sie mit mir reden. Jetzt aber muss ich erst einmal mit Luisa sprechen. Wo ist sie?» «Woher soll ich das wissen? Sie hat jetzt keinen Unterricht bei mir – schon seit zwei Stunden nicht mehr. Bitte melden Sie sich im Schulsekretariat zu meiner Sprechstunde an. Luisa sollte auch an dem Gespräch teilnehmen!» Nach dem Gespräch hatte Johanna keine Lust mehr, länger auf den Psychologen zu warten. Was sollte sie ihm auch sagen, dass sie sich froh und erleichtert fühlte – so glücklich wie seit ihrer Kindheit nicht mehr? Und sollte sie ihm erzählen, dass Nilam verschwunden war, einfach gegangen. Sie würde nun für immer schweigen. Es gab sie nicht mehr, wie es sie zuvor nie gegeben hatte, bis sie sich eines Tages zu Wort gemeldet hatte. Und nun war sie wieder dahin zurück gekehrt, woher sie gekommen war: ins Nichts! Aber das brauchte den Psychologen nicht zu interessieren. Johanna verließ das Präsidium und stieg in ihren Dienstwagen ein.
Die Wohnung, die sie aufsuchen wollte, befand sich im tiefsten Norden der Nordstadt, was so viel bedeutete wie Plattenbauten aus den 70er Jahren erbaut von der Gewerkschaftseigenen Gesellschaft mit einer skandalös schäbigen Architektur, als wolle man die Massentierhaltung an Menschen exzerzieren. Einige Renovierungs- und Verschönerungsversuche hatte es wohl in den letzten vier Jahrzehnten gegeben, aber im Grunde, hätte das ganze Viertel evakuiert und gesprengt werden müssen, um auf den Trümmern einen neuen Versuch Architektonischen Versagens zu starten. Dieses Viertel war längst schon zum sozialen Brennpunkt avanciert. Von den Kollegen im Streifendienst wollte hier niemand patroullieren und aus dem Auto aussteigen. Der Polizeipräsident hatte zwar einen verstärkten Streifendienst und bessere Polizeipräsenz hier angeordnet; praktiziert wurde das allerdings so, dass die Polizeiwagen zügig aber häufig durch diesen Stadtteil mehr rasten als fuhren. Schießereien waren in dieser Gegend ebenso wenig selten wie Jugendliche, die mit Steinen, Flaschen und Getränkedosen nach den Streifenwagen warfen. Verantwortlich für die Verbrechensbekämpfung in diesem Bezirk waren Hauptkommissar Peter Hoffmann und sein Assistent Jürgen Oberländer, zwei wirklich ekelhafte Menschen, denen Johanna sehr gern aus dem Weg ging. Mit dem Kommissar Hoffmann, einem fetten, feisten Endvierziger hatte sie nie zusammen arbeiten müssen, aber dieses zweifelhafte Vergnügen war ihr bei dessen Assistenten nicht erspart geblieben; Jürgen Oberländer war ein unerträglicher Besserwisser.

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