Kommen wir zu der kleinen Geschichte, in der es eine Psycho-Villa gibt, einen Schriftsteller, der verhaftet wird und dem man dabei die Nase bricht, eine tote Rechtsanwältin in einem Gartenhäuschen, einen mordenden Gärtner ;) Eine Polizistin, die ihren Vater tötet, der sie jahrelang mißbrauchte usw.

Uri Bülbül
SOKRATES Teil 97:
Für den korrekten Dienstweg wäre es sicherlich besser gewesen, den Kommissar über ihren Besuch bei der Mätresse ihres Vaters zu informieren. Das aber hätte ewige Diskussionen und Fragen nach sich gezogen, und sie hätte die Genehmigung in einer Woche noch nicht gehabt. Die Ermittlungen aber duldeten eine solche Verzögerung nicht. Sie musste diese Frau so schnell wie möglich erwischen, bevor sie vom Tod ihres Geliebten oder Peinigers oder was auch immer erfuhr und sich aus dem Staub machte. Sie war höchst wahrscheinlich nicht polizeilich erfasst und könnte nicht durch die Spuren in der Wohnung identifiziert werden. Also musste Johanna schnell handeln, bevor die Todesnachricht diese Frau erreichte, auf deren Identität Johanna schon sehr gespannt war. Wusste sie womöglich von den Videos und DVDs im Keller? War sie bei der Erstellung womöglich beteiligt gewesen? In Gedanken versunken erreichte Johanna den Block, in dem sich die besagte Wohnung befand. Vor dem Block gab es Parkplätze, auf denen teilweise ausgeschlachtete und ausgebrannte Schrottautos standen. Ein kleiner Fußweg führte von der Straße auf den Häuserblock mit mehreren Eingangstüren und Hausnummern. Johanna bemerkte einen dunkelhäutigen Mann etwa in ihrem Alter auf einem Schrottauto sitzen und mit einem Butterfly-Messer herumhantieren. Er sah ihren bösen Blick, lächelte jedoch freundlich zu ihr hinüber, als habe er sie erkannt. Sie ging auf einen der Eingänge am Block zu, blieb jedoch hinter einer Betonsäule, an die nicht nur Hunde gepinkelt zu haben schienen, stehen und beobachtete aus ihrem Versteck aus den Schwarzen, ob er nicht sich an ihrem Auto zu schaffen machte. Es dauerte keine zwei Minuten, bis eine Gruppe von Jugendlichen auftauchte und sich auf Johannas Dienstwagen zu bewegte. Der Schwarze mit dem Butterfly-Messer ließ es schnell in seiner Tasche verschwinden und sprang von seinem Sitz auf die Beine. Die Gruppe hatte nun den Dienstwagen erreicht, und zwei Jungs sahen durch die Seitenfenster ins Auto, als der Schwarze laut pfiff. Der Anführer der Gruppe bewegte sich breitbeinig auf den Schwarzen zu, der ihm offensichtlich Instruktionen gab, die der andere unterwürfig akzeptierte. Er ging zu seiner Gruppe zurück und hieß sie, das Auto in Ruhe zu lassen. Vielleicht war es nur ein Trick von dem Mann mit dem Messer. Aber das würde sie später eruieren. Jetzt betrat sie den stinkenden Hausflur, nahm den Aufzug zum siebten Stock, wie ihre Mutter es ihr erzählt hatte. Eines Abends war sie ihrem Mann gefolgt, als er mal wieder vorgab, spät arbeiten zu müssen. Als sie die Situation vor Ort sah, musste Johanna ihrer Mutter und ihrer Courage, bis hierher ihrem Mann zu folgen, Respekt zollen. In der Dunkelheit war dieses Viertel gewiss gefährlicher als eine Schlangengrube. Es befanden sich auf dem Stockwerk fünf Wohnungstüren. Aus der ersten Wohnung drang orientalische Musik; aus der nächsten hörte sie sowohl ähnliche Musik als auch Menschen, die sich lärmend unterhielten.

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