Wer Angst vor Gespenstergeschichten hat und sich allzu schnell gruselt, kann diese und auch die nächste Folge von SOKRATES beruhigt weiter lesen. Die 111. Folge des kafkASKen Fortsetzungsromans ist nicht im dunklen Garten entstanden, sondern in meiner braven Studierstube :)

Uri Bülbül
Als sie wieder ins Bad zurück ging, war es dort seltsam still. Ein wenig erschrocken und auch etwas enttäuscht stellte sie fest, dass der Delphin verschwunden war. «Er wird doch nicht aus der Wanne gesprungen sein!» murmelte sie und sah sich besorgt auf dem ganzen Badezimmerboden um. Einen schwer verletzten, auf dem Boden liegenden Delphin hätte sie nur schwerlich verkraftet. «Ist irgendetwas mit dir?» unwillkürlich zuckte Nadia zusammen. Ihr Bruder stand hinter ihr in der Badezimmertür. «Nichts ist mit mir. Du hast mich erschreckt!» «Was bist du denn so schreckhaft? Hast du ein schlechtes Gewissen?» bohrte ihr Bruder nach. «Ach Quatsch! Ich habe nur etwas gesucht und dich nicht kommen hören! Was schleichst du hier herum? Schleich dich weg und nerv mich nicht!» «Oh, Schwesterchen in bester Laune! Räum endlich das Bad. Andere wollen vielleicht auch mal!» nörgelte er. Als er endlich wieder gegangen war, ließ sie zögernd das Wasser ab, wobei sie sich immer wieder im Bad umsah. Aber der kleine rosafarbene Delphin schien wirklich verschwunden zu sein. «Aber das habe ich doch nicht nur geträumt», sagte sich Nadia. «Du führst ja Selbstgespräche!» «Was?» «Das müsste ich dich fragen: „Was hast du nicht nur geträumt“?» «Geht dich nichts an! Hast du nichts zu tun? Musst du mir auf die Nerven gehen?» «Aber Schwesterchen, was ist nur los mit dir? Gut, dann frage ich halt nichts mehr! Ich will mich jetzt rasieren und duschen. Dann stürze ich mich in das Nachtleben.» Nadia kümmerte sich nicht um ihn. Es blieb auch die Frage aus, die er eigentlich in ihr provozieren wollte: Hast du ein Date? Wortlos ging Nadia aus dem Bad. Er lauschte kurz: wenn sie jetzt anfangen würde, Geige zu spielen, dann war ihre Laune mehr als im Keller. Aber es blieb still in Nadias Zimmer.
Es war nicht Laras Frage gewesen, was Basti, so gerührt hatte. «Still!» zischte er. «Ich habe etwas gehört!» Erst war Lara etwas erschrocken über diese plötzliche Anwandlung; konnte aber jetzt, da sie erfuhr, dass es nichts mit ihrer Frage zu tun hatte, erleichtert lächelnd aufatmen. Sie spitzte die Ohren und beide lauschten konzentriert in den Wald hinein. Nach einer angespannten und nicht enden zu wollenden Weile durchbrach sie das konzentrierte Hören: «Ich höre nichts... ich meine... nichts Besonderes.» Basti setzte seinen Weg fort: «Ich auch nicht», sagte Basti. «Was glaubtest du denn gehört zu haben?» fragte Lara. Bastis Antwort hätte sie überraschen können. Aber sie war von ihm schon so manch eine Überraschung gewöhnt. «Ein Geigenspiel. Jemand hat Geige gespielt...» er machte eine kleine Pause, bevor er sich selbst korrigierte: «...glaubte ich.» Sie setzten munter ihren Weg fort. Das Badewannenthema hatten sie beide vergessen. Ab und an warf Lara einen Blick auf die Lichtverhältnisse, überlegte, wie sich das eine oder andere Motiv als Fotografie gestalten würde, aber nichts erschien ihr so wichtig, um ihren Gang zu unterbrechen.

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