Belanglose Wahrheiten und die Aufhebung der Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit - ja, so könnte man die 113. Folge von SOKRATES, dem kafkASKen Fortsetzungsroman, betiteln. Aber wer weiß schon so genau, wann eine belanglose Wahrheit zur Katastrophe führt?

Uri Bülbül
Ihre Anweisung lautet: Kehren Sie umgehend ins Polizeipräsidium zurück und melden Sie sich bei Ihrem Vorgesetzten: Oberkriminalrat Reiniger.» «Ich weiß, wer mein Vorgesetzter ist!» fauchte Johanna. «Da bin ich mir nicht ganz so sicher. Unser Gespräch ist hiermit beendet.» Die Zentrale schwieg. Unentschlossen sah sich Johanna noch einmal in der Wohnung um. Es blieb dabei, dass sie keinen Hinweis auf die Identität der anderen Person fand. Also musste sie sich an die Auswertung der Videos machen, die sie von ihrer Mutter erhalten hatte. Hoffentlich hatte sie ihr Partner nicht ins Präsidium geschleppt. Sie rief ihn an: «Ross, wo bist du gerade?» «Bei mir zu Hause! Mir ist schlecht!» «Gut... ich meine, gut, dass du nicht im Präsidium bist. Hast du die Videos von meiner Mutter bei dir?» Es blieb still auf der anderen Seite.
«Wenn du es mir nicht erzählen magst, Betti, wie und warum ihr beiden in die Villa gekommen seid, dann tut das doch unserer Freundschaft keinen Abbruch», sagte Uri Nachtigall. Langsam näherten sie sich der Villa, aus der Ferne hörte man den Motor einer Kettensäge. «Nein, nein, ich will es dir ja erzählen. Ich weiß nur nicht, ob du es mir glauben kannst», sagte Betti freundlich. «Unglaublicher als meine Geschichte kann es doch nicht sein, oder?» «Na ja, kommt darauf an... keine Ahnung... jedenfalls haben Lara und ich den Aufenthalt hier quasi gewonnen – und das, ohne an einem Preisausschreiben mitgemacht zu haben. Eines Tages haben wir eine Email von Uri Bülbül erhalten, der anfragte, ob er uns in den kafkASKen Fortsetzungsroman aufnehmen dürfe. Lara und ich waren damit einverstanden, und so sind wir in die Psycho-Villa des DoctorParranoia gekommen, haben hier Basti, Schwester Maja, Zodiac, dich und noch ein paar andere kennen gelernt.» «Dann war Bastis Frage ja gar nicht so unsinnig, ob ich denn wüsste, wer uns schreibt», murmelte Uri Nachtigall. «Ich habe auch ein paar Folgen des Romans gelesen», sagte Betti. «Ich tat es, um Uri einen Gefallen zu tun. Im Grunde interessiert mich der Roman nicht. Und irgendwann habe ich ihm das auch auf den Kopf zu gesagt. Ich bin halt so – immer direkt, immer gerade heraus. Ich glaube, das hat ihn schockiert, beleidigt oder so etwas. Aber ich habe genug Geschichten in meinem Leben. Ich brauche nicht noch mehr, verstehst du?» Uri Nachtigall nickte mehr automatisch als verständnisvoll, sinnierte laut vor sich hin: «Uri Nachtigall – Uri Bülbül... wie nahe die Namen beieinander liegen! Manche nehmen irrtümlich an, dass „Nachtigall“ die deutsche Übersetzung für „Bülbül“ sei. Bülbüls sind eine Familie der Sperlingsvögel. Sie kommen vor allem in den tropischen Regionen Asiens vor; mittelgroße Singvögel etwa so groß wie Sperlinge oder etwas größer wie Amseln. Kurze Flügel, kurzer Hals, langer Schwanz, spitzer, gerader Schnabel, manchmal auch leicht gebogen. Manche haben auch eine Haube aus Kopffedern, sehen aus wie schwarze Punker. Die Mehrzahl der Bülbüls lebt in Afrika und auf Madagaskar.

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