Wie versprochen: eine Viertelstunde vor Tagesende schreibe ich die 117. Folge des kafkASKen Fortsetzungsromans :)

Uri Bülbül
Kaum hatte dieser Gedanke ihre Gehirnwindungen verlassen, schon hörte Luisa ganz in ihrer Nähe aus dem Wald jemanden auf einer Geige fiedeln. Die Melodie kam ihr bekannt vor, aber sie konnte sie nicht recht irgendwo zuordnen. Eine lustige Schwere mit einer gehörigen Portion Melancholie war darin enthalten. Es war jedenfalls keine klassische Musik, was Luisa sehr langweilig gefunden hätte. Wieder stand ein paar Meter rechts vor ihr etwa auf ein Uhr Das Kohlewittchen mit ihren langen schwarzen Haaren, aber dieses Mal in einem himmelblauen Spitzenkleid und spielte Geige, als wäre sie eine Straßenmusikerin, die auf Publikum keinen großen Wert legt und deshalb erst einmal auf einem abgelegenen Waldweg übt. «Ganz schön seltsame Dinge passieren hier», sagte sie, als Luisa in wenigen Schritten auf ihrer Höhe war und kurz zögerte, ob sie achtlos an ihr vorbei gehen sollte. Kohlewittchen hörte auf zu spielen und lächelte Luisa ermunternd an: «Komm schon! Es sind nur noch etwa tausend Meter bis zur Villa. Du hast es fast geschafft. Wenn du Schwester Maja um Hilfe bittest, sorgt sie bestimmt dafür, dass das Moped vollgetankt wird. Norbert, der Gärtner, hat das richtige Gemisch für den Zweitaktmotor. Wichtig ist, dass er das Gemisch für den Rasenmäher nimmt und nicht für die Kettensäge.» «Was redest du da?» fragte Luisa verständnislos. «Ich versuche dir zu helfen», antwortete das dunkelhaarige Mädchen mit den schönen dunklen Augen, vollen Lippen und kräftigen Augenbrauen: «Aber du bist ein schwieriger Fall. Und wenn du mich noch einmal „Kohlewittchen“ nennst, wirst du dein blaues Wunder erleben, Fräuleinchen! Bisher habe ich es auf die nette Tour mit dir versucht, aber deine ignorante Dämlichkeit ist wirklich kaum zu überbieten! Christoph hat dir doch gesagt, dass du tanken sollst! Aber du hast nicht auf ihn gehört. Und nun jammerst und jammerst du und kommst aus dem Jammern ja gar nicht mehr raus! Jämmerlich ist das!» Luisa musste kichern, weil sie diese Formulierung sehr lustig fand. «Und wie wird mein blaues Wunder aussehen?» fragte sie provokant. «Blau», antwortete Nadia. Wieder musste Luisa kichern: «Blau? Oh das macht mir jetzt aber Angst!», scherzte sie. Ihre Wehwehchen schienen nachzulassen; und sie fühlte sich auf eine wundersame Art gestärkt. Sie verspürte sogar eine aufkeimende Lust, den Rest des Weges munter und zügig zurück zu legen. «Willst du mich ein Stück begleiten?» fragte sie das Mädchen mit den dunklen Augen. «Ja, kann ich machen. Hauptsache, du kommst jetzt endlich bald in der Villa an. Weißt du eigentlich, dass sich Lara und Basti schon auf den Weg gemacht haben, dich zu suchen?» Luisa schüttelte den Kopf und setzte ihren Weg fort. Dabei kam ihr eine Idee: «Kannst du nicht auch mal das Moped schieben? Ich habe wirklich Muskelkater davon!» Ihre Begleiterin schüttelte nun ebenfalls den Kopf: «Nein, ich muss mich jetzt nicht körperlich betätigen, um die Folgen deiner Nachlässigkeit auszubügeln. Schieb du mal schön selbst!

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