SOKRATES - Des kafkASKen Fortsetzungsromans 120. Teil: Luisas Ankunft in der Villa ist voller Begegnungen. Und hoffentlich nicht voller Fallen und Fallstricke ^^

Uri Bülbül
Damit wandte sie sich vom Gärtner ab und schritt auf den Haupteingang der Villa. Obwohl sie seinen Blick auf ihrem Rücken geradezu fühlen konnte, schritt sie einfach weiter, ging die Eingangstreppen hoch und wollte gerade klingeln, als ein junger Mann mit dunklen Haaren und Augen die Tür aufmachte. Sie waren beide kurz überrascht und ein wenig erschrocken, aber beide mussten darüber sogleich schmunzeln. Er wollte schon an ihr vorbei gehen und hielt die Tür noch so weit auf, dass sie bequem eintreten konnte, als sie ihn ansprach: «Hallo, bist du Basti, der Junge, der die Legosteine haben will? Oder kennst du ihn zufällig?» «Nein», sagte der junge Mann etwas unsicher und machte mit der Hand eine Geste als Ausdruck seines Ärgers über seine ungenaue Antwort, dann versuchte er sich zu korrigieren: «Das heißt: nein, nicht zufällig und heißt auch nein, ich bin nicht der Junge, der mit Legosteinen spielt.» Sie lächelte ihn freundlich an, um ihn zu beruhigen und zu einer sinnvollen Antwort zu ermutigen, was ihn nur noch mehr zu verunsichern schien: «Ich meine, ich spiele schon lange nicht mit Spielsachen. Und Legosteine haben mich nie besonders interessiert. Ich schnitze lieber Holzfiguren und spiele Schach mit ihnen.» Luisa lächelte ihn nach wie vor freundlich an und legte nun in ihre Mimik die Frage: «Na und? Was ist nun mit dem Jungen, der mit Legosteinen spielt?» Und tatsächlich. Er verstand sie sofort auch ohne, dass sie diese Frage ausgesprochen hatte: «Entschuldigung. Ich habe ja deine Frage noch immer nicht beantwortet! Du suchst Basti; aber er ist gerade auf einem Spaziergang. Wenn du magst, kannst du auf ihn warten. Aber melde dich erst einmal bei der Schwester an.»
Uri Nachtigall hatte das Gefühl, lange genug unter Menschen gewesen zu sein. Er wollte sich nach dem Spaziergang mit Betti eigentlich wieder zurückziehen und seinen Gedanken nachhängend im Internet die Recherchen fortsetzen, bei denen er wegen des Mittagessens unterbrochen worden war. Betti aber hatte noch Lust mit Uri zu reden. Es schien ihr noch einiges unausgesprochen zwischen ihnen. Und gerne hätte sie dies geklärt und bei dieser Gelegenheit diesen Menschen, den es durch eine seltsame Begebenheit hier her verschlagen hatte, besser kennengelernt. Warum waren sie schließlich hier, wenn nicht um sich besser kennenzulernen? «Ich würde gerne noch ein bißchen mit dir plaudern», sagte sie zu Uri. Der junge Mann wollte nicht stören, setzte sich einen Kopfhörer auf und widmete sich wieder vertieft in den Film im Fernsehen, den er mit großer Lautstärke geschaut hatte, bevor die beiden den Aufenthaltsraum betraten. «Ja, dann nehme ich mir aber auch noch etwas vom Nachtisch», sagte Uri. «Weißt du? Es ist schwer vorstellbar, dass es da draußen irgendwo – vielleicht im Himmel oder sonst an einem Ort jemanden gibt, der uns erfindet, uns Handlungen und Worte in den Mund legt, ja, der mit uns Schicksal spielt! Ich glaube nicht an so etwas.

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