SOKRATES TEIL 125 Johannas große Enttäuschung bahnt sich womöglich an. Doch wo bleiben eigentlich Lara und Basti?

Uri Bülbül
nur Abi genannt wurde; dies sei eine Ehrenbezeichnung für einen älteren Mann, dem gegenüber man Respekt bekunden wolle. Er habe in seiner Jugend in der Fleischfabrik gearbeitet und habe sich dann selbständig gemacht. Erst habe er eine Dönerbude gehabt, dann ein Anatolisches Fleischrestaurant und dann eine kleine Kette von mehreren Restaurants und Döner-Läden. Die Nordstadt habe er nie verlassen wollen, aber in der Türkei habe er sich ein schönes großes Haus am Meer gebaut. Ismail selbst stammte aus Marokko, aber sein Vater war Angolaner. Er habe irgendwann eine Militärberaterin aus der DDR kennengelernt und sei mit ihr durchgebrannt. Seine erste Familie, deren drittes Kind Ismail war, habe er einfach im Stich gelassen. Doch kurz darauf sei die DDR untergegangen, und Ismails Vater habe ihn mit seinen beiden älteren Geschwistern nach Deutschland geholt. Johanna ließ den jungen Mann erzählen, aber glauben konnte sie ihm diese Geschichte nicht, denn dazu war er viel zu jung. Manchmal aber sagten auch Lügen über jemanden interessante Dinge aus. Wie kam dieser Mann auf diese Geschichte, für die er gut und gerne zehn Jahre zu jung war? «Hast du einen Beruf gelernt? Oder gehst du noch zur Schule?» fragte sie. «Ja, ich bin Mechaniker», antwortete er, «ich repariere Autos.» Auch das ließ sie kommentarlos stehen, obwohl sie ihm kein Wort davon glaubte. Nachdem sie gemeinsam die sichergestellten Dinge ins Auto getragen hatten, wollte Johanna von ihnen beiden noch ein Selfie machen; Ismail aber sträubte sich dagegen. Sie aber gab nicht schnell nach, bestand auf ein Foto und bei dem Hin und Her, ließ sie ihre Handykamera laufen, ohne dass er etwas davon bemerkte. «Na gut, dann eben nicht», sagte sie, «dann werde ich mich ohne eine Erinnerung an dich von dir verabschieden. Mach's gut, Ismail und vielen lieben Dank für deine Hilfe!» «Gern geschehen. Für die Tochter des alten Franz mache ich doch fast alles.» Johanna stockte kurz der Atem. «Wie gut kanntest du meinen Vater?» «Kannte? Ich kenne ihn gut. Wir sind quasi Freunde», erwiderte er. «Schön», sagte Johanna eiskalt, als sie ins Auto einstieg und fügte, bevor sie die Tür zuschlug hinzu: «„Kannte“ ist schon richtig! Ich habe den alten Franz heute erschossen!» Damit ließ sie den verdutzen Mann auf dem Parkplatz stehen und startete den Wagen. Ihr war speiübel von der letzten Wendung dieser Begegnung. Was hatte ihr Vater nur für ein Leben geführt? Was hatte er in der Nordstadt getrieben außer seinen perversen Spielen? Wozu musste das in der Nordstadt sein? Hätte er für sich und seine Gespielin nicht in einem anderen Viertel oder in einer anderen Stadt eine Wohnung nehmen können? Sie verspürte das dringende Bedürfnis, mit ihrer Schwester zu sprechen. Sie musste ihr unbedingt vom Tod ihres Vaters erzählen. Da sie jedoch über ihr Handy nicht zu erreichen war, beschloss Johanna nun bei der Schule vorbei zu fahren. Gerade in diesem Moment kam ein Funktspruch für sie: ...

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