Ein Junge und ein Mädchen sind unterwegs; eine ungewöhnliche architektonische Konstruktion vergleichbar mit einer riesigen Schraube aus Holz führt sie in die Tiefe eines Tales, in dem sich ein tropisch anmutender Wald befindet. Begegnungen bleiben nicht aus. SOKRATES Teil 130...

Uri Bülbül
«Ja, so kann man es auch nennen», sagte die geheimnisvolle junge Frau, die wie aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt zu stammen schien. Sie ließ ihren Sonnenschirm kreisen, in dem sie am Griff drehte: «Ziemlich schwül hier, findet ihr nicht?» Jetzt erst fiel es Lara auf, dass die Luft sehr feucht und stickig geworden war wie in einem Gewächshaus. «Wie heißt du? Du kommst mir irgendwie bekannt vor», sagte Basti und zog eindringliche Blicke aus dunklen Augen auf sich. «Diese Stimme kenne ich doch irgendwoher», murmelte die Frau mit den langen schwarzen Haaren. Lara war fasziniert von ihrem Kleid und insbesondere von dem haubenähnlichen Hut auf ihrem Kopf, aber was die junge Frau sagte, lenkte ihre Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung: «der kleine Badewannendelphin!» Dabei sah sie vielsagend Basti an. Dieser begann schlagartig zu gähnen und ging mit weichen Knien schlafend zu boden. «Oh, habe ich etwas Falsches gesagt?» fragte die Schwarzhaarige mit dem Sonnenschirm und der geschmückten Schute auf dem Kopf. Lara kniete sich neben Basti, um ihm die Stirn und den Puls zu fühlen. Der Name der Krankheit, an dem Basti laut Betti leiden sollte, fiel Lara spontan nicht ein, aber die Gelassenheit ihrer Mutter beruhigte auch Lara; sie war sich sicher, dass Basti bald wieder aufwachen würde. «Nein, du hast nichts Falsches gesagt», versuchte sie zu erklären, «er hat so eine Krankheit, bei der man plötzlich für eine kurze Zeit in den Schlaf fällt. Das ist aber keine Ohnmacht und auch nicht gefährlich», wiederholte Lara Bettis Auskünfte. «Narkolepsie», sagte die Schwarzhaarige sachlich in einem freundlichen Ton. «Ja, Narkolepsie», bestätigte Lara und fragte die junge Frau in dem außergewöhnliche Kleid nach ihrem Namen. Aber sie bekam auf ihre Frage keine Antwort. Stattdessen zeigte sie auf Basti: «Schau mal, wie schnell und aufgeregt seine Augen hin und her wandern! Er träumt einen heftigen Traum. Wahrscheinlich fliegt er mit Leyla den Wendelsteg hoch, den ihr herunter gekommen seid, und rutscht in einem doppelten Salto wieder herunter. Basti hat solche Wünsche; er wünscht sich auch ein Kugelbad in der Villa und wundert sich, dass andere Jugendliche, die etwa so alt sind wie er, sich für Philosophie interessieren, z.B. für Kants Kritik der reinen Vernunft. Ich heiße übrigens Nadia @Iwillslaughteryou.» Ehe Lara irgendetwas darauf erwidern konnte, öffnete Basti seine Augen. Ein «Guten Morgen» der beiden Frauen begrüßte ihn. Etwas verwirrt erwiderte er den Gruß. Während Nadia auf ihn einzureden begann, bemerkte Lara, dass sich etwas in Bastis Stimmung verfinstert hatte, was darauf schließen ließ, dass er bestimmt nichts Lustiges geträumt hatte. «Na, wieder von einer lustigen Reise mit Leyla geträumt?» fragte Nadia. Basti sah sich suchend um, als habe er Nadias Frage gar nicht gehört. Kurz trafen sich die Blicke der beiden jungen Frauen und Nadia konnte in Laras großen hell leuchtenden Augen eine gewisse Sorge um Bastis Wohlbefinden erkennen.

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