Eine halbe Stunde bis Mitternacht. Der Mond scheint durch das Fenster, hat schon ein Stück von seiner rechten Seite verloren an die Finsternis, das Runde ist nicht mehr so rund, die Zeit verrinnt. Bald beginnt der Oktober. Dann kommt die Winterzeit, doch zuvor SOKRATES Teil 135...

Uri Bülbül
Die Fotosession mit Nadia schien Lara ermutigt und motiviert zu haben. «Nadia meinte, wir sollten Richtung Westen gehen; da wäre es dann am längsten hell.» Und sie zeigte entschlossen in eine Richtung. «Möchtest du nicht besser wieder zurück in der Villa sein, bevor es dunkel wird?» fragte Basti erstaunt. «Ach, keine Ahnung. Es wird ja noch nicht dunkel. Wenn wir schon mal hier sind, dann sollten wir uns auch gründlich umsehen. Möchte mal wissen, was es hier noch so für seltsame Tiere und womöglich andere Wesen gibt», sagte Lara überraschend sorglos. «Was ist, wenn wir einem grauen Wolf begegnen? Oder einem Säbelzahntiger?» fragte Basti. Nicht dass er wirklich Angst vor einem Wolf oder einem Säbelzahntiger gehabt hätte, vielmehr wollte er wissen, wie Lara auf diesen Gedanken reagierte. «Ich mache Fotos von ihnen», antwortete Lara völlig unbeschwert, «besonders wenn wir einem Säbelzahntiger begegnen. Den muss ich unbedingt fotografieren, sonst glaubt uns keiner, dass wir ihn gesehen haben. Säbelzahntiger sind nämlich schon vor einer Ewigkeit ausgestorben.» «Das weiß ich», brummte Basti, «jetzt versuchst du meine Wünsche zu verscheuchen, wie du die Hispaniola verscheucht hast. Dinosaurier sind angeblich auch schon ausgestorben und Drachen auch, aber ich möchte nicht ausschließen, dass wir ihnen auf unserem Spaziergang begegnen können.» «Ja, tut mir Leid», sagte Lara versöhnlich. «Ich möchte es auch nicht ausschließen und deine Wünsche verjagen möchte ich auch nicht. Ich wollte auch nicht dieses Rüsseltier verscheuchen. Es ist aus Versehen passiert.» Lara nahm Basti an der Hand und zog ihn sanft mit sich Richtung Westen. Die Sonne stand nicht mehr gar so hoch.
Benjamin ging an den Gartenteich, wo er sich auf eine Bank setzte, die aus einem der Länge nach halbierten Baumstamm bestand. Die eine Hälfte diente als Sitzfläche, die andere als Rückenlehne. Das Holz war gegen Witterungseinflüsse behandelt und angenehm glatt. Nach der Begegnung mit Nadia ein wenig verstört nahm er auf der Bank Platz und legte „Die Kritik der reinen Vernunft“ rechts von sich auf die Bank. Er betrachtete den Teich mit den Seerosen und dem hohen Schilfgras auf der gegenüber liegenden Seite und malte sich in seiner Phantasie Symmetrien mit Seerosen aus, die er wie Schachfiguren auf dem Brett auf der Wasseroberfläche hin und her schob. «Was ist das nur für ein Kerl – dieser Rufus?» quakte es aus dem See wie ein Frosch in seinen Kopf. Er hatte etwas Kaltes in den Augen, aber auch Stumpfsinniges. Und Benjamin fragte sich, ob Stumpfsinn und Gefühlskälte sich nicht ausschlossen. Er musste irgendetwas Wichtiges falsch gemacht haben; denn Nadia war ihm vehement in die Parade gefahren. Eigentlich interessierte ihn Rufus nicht. Auffällig war nur, dass er sich gerne so gab wie Zodiac. Mit seiner Frisur und seinem Anzug, den er in seiner Freizeit trug schaffte er es auf einige Entfernung wirklich dem stellvertretenden Leiter der Villa zu ähneln. Wenn man aber näher kam, erkannte man...

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