Da sitzt ein junger Philosoph im Garten der Psycho-Villa und denkt über Menschen, Kant und Kritiken. SOKRATES, der kafkASKe Fortsetzungsroman Teil 136...

Uri Bülbül
...die billige Kopie, die plumpe Fälschung. Vielzu grobschlächtig war er und hatte nichts von der Feinsinnigkeit eines Zodiac. Wenn er ironisch oder zynisch werden wollte, konnte man bestensfalls nur noch über seine kläglichen Versuche lachen. Benjamin konnte Rufus überhaupt nicht ernst nehmen und konnte sich, ehrlich gesagt auch niemanden vorstellen, der ihn ernst nahm. «Ach, geh mir bloß aus der Sonne!» sprach er alleine vor sich hin, mit sich selbst, im Geiste aber auch zu Rufus, womit er die Gedanken an diesen seltsamen Gärtnergehilfen wie eine lästige Fliege zu vertreiben suchte. Ihm mißfiel der Spruch, den der großartige Diogenes von Sinope, Alexander dem Großen auf den Kopf zugesagt haben soll, als der große König und Eroberer zu dem eigenwilligen Philosophen kam, um mit ihm zu reden und ihm dabei offerierte, er könne sich von ihm wünschen, was er wolle. Diogenes aber war fast wunschlos glücklich. Das Einzige, was er sich wünschte, war, dass der aufgeblasene König ihm aus der Sonne ging. Rufus konnte keinen Alexander abgeben; Benjamin aber war in seiner Selbsteinschätzung nicht weit von dem großen Zyniker entfernt. In seinem E-bookreader hatte er aber nicht die Sprüche des antiken Philosophen ohne Werke aufgerufen, sondern den Königsberger Denker mit seiner Kritik der reinen Vernunft. «Wie hätte sich wohl Diogenes in Königsberg geschlagen?» fragte er sich. «Hätte er Kants Kritiken gelesen?» Wie sollte man sich diesen Typen überhaupt vorstellen? Las er viel? Hatte er Platons sämtliche Schriften gelesen? War er je in Platons Akademie gegangen und hatte er sich mal unter die Schüler gemischt? Bei diesem Gedanken durchzuckte es ihn; ein Ekelgefühl stieg aus seinem Inneren von ganz tief unten auf. Schule? Nein, sie tötete in ihm jede Motivation und Lust auf das Lernen. Dabei war er durchaus wissbegierig; Mathematik fiel ihm leicht und für Literatur und Philosophie hatte er auch etwas übrig. Aber nicht in der Schule. Für die Schule hatte er immer weniger übrig - genaugenommen, wenn man mal ganz ehrlich sein und nichts verschönern wollte: hatte er überhaupt gar nichts für die Schule übrig. Er kam sich dort vor wie in der Fabrik - wenn man also konsequenter Weise nichts verschönern wollte, kam er sich wie ein Zwangsarbeiter in der Fabrik vor. Mit diesem Gefühl erstarb jegliche Motivation für die Themen. Er beobachtete in der Schule aufmerksam das Verhalten der Lehrer und das seiner Mitschüler. Und je mehr er beobachtete, desto mehr fiel er aus dem Betrieb heraus, wie eine Schraube, die sich unbemerkt aber stetig lockert und irgendwann plötzlich abfällt. «Nicht weiterdenken!» gebot er sich selbst; denn diese Gedanken waren noch ekelhafter als die dümmliche Eitelkeit des Gärtnergehilfen, der so sein und aussehen wollte, wie der Psychologe dieses wundersamen Sanatoriums. «Ich muss sagen, dass ich nie etwas erzwinge, ich tue immer nur das, was mir leicht fällt», ging es ihm durch den Kopf; aber es waren nicht seine Worte und nicht seine Gedanken.

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