Nicht nur das Leben ist voller Überraschungen, sondern auch bestenfalls die Fortsetzungsgeschichten. Kann man sich nicht eigentlich auch das ganze Leben als eine Fortsetzungsgeschichte ausmalen? SOKRATES, der kafkASKe Fortsetzungsroman Teil 137...

Uri Bülbül
Er hatte sie von einem Facebookfreund erfahren und dieser wiederum aus einem Zeitungsbeitrag über den Systemtheoretiker Niklas Luhmann, der auf Facebook geliket worden war. Ein Systemtheoretiker, der so etwas Unsystematisches zu seinem Arbeitsprinzip erhoben hatte, machte ihm gedanklich zu schaffen. Er versuchte alles in einer Symmetrie unterzubringen, zu ordnen, dem Chaos durch Spiegelung entgegenzuwirken. Und dann kam über Facebook eine Message mit einem Luhmann-Zitat, nie etwas zu erzwingen, sondern immer nur das zu tun, was einem leicht fällt. Wäre dann aber nicht die Konsequenz daraus, dass man die Seele permanent baumeln lässt? Einfach sich im Leben im Nichtstun ergeht? Niklas Luhmann kam zu einer gigantischen Menge an Zetteln. Er hatte sich im wortwörtlichen Sinne in seinem Arbeitsleben verzettelt. Über diesen Gedanken schmunzelte er, während er gleichzitig die Goldfische im Teich betrachtete. Sie mussten denken, dass er sie anlächelte. Hunde zum Beispiel konnten mit einem Lächeln nichts anfangen. Für sie war das nicht mehr als ein Zähnefletschen. Und entsprechend feindselig konnte die Reaktion eines Hundes auf ein freundliches menschliches Lächeln ausfallen. Vielleicht waren die Goldfische „Schlauer“ und bemerkten, dass das Lächeln etwas anderes zu bedeuten hatte und womöglich gar nicht ihnen galt. Oder aber sie dachten, er wollte sich gleich auf die Wasseroberfläche stürzen und sie verspeisen wie ein Fischreiher. Er sammelte seine Gedanken wieder; Symmetrie, Parallelen, Vergleiche, Analogien – ja, das waren wichtige Elemente des Denkens und nicht nur logische Schlüsse, Deduktionen, Induktionen, Implikationen, Äquivalenzen, Konjunktionen, Adjunktionen, Contradictionen – da war er wieder an seinem Startpunkt: Die Kritik der reinen Vernunft, und die schweren Begriffe bauten sich vor ihm auf, als wollten sie ihn gleich erschlagen: „Elementarlehre: Die transzendentale Ästhetik, die transzendentale Logik, Die Analytik der Grundsätze...“ Er fühlte sich wie ein Bergwanderer in Sandalen, der seine Ausrüstung und seinen Rucksack in der Herberge vergessen hatte. «Ich muss wieder zurück», dachte er, «so komme ich nicht weiter.»
Auf dem schmalen Schotterweg Richtung Villa raste ein ziviles Auto mit Polizeilicht auf dem Dach. Johanna Metzger hätte nicht sagen können, was sie zur Eile trieb – zumindest gab es außer ihrem Gefühl, dass Gefahr bei Verzug drohte, keinen anderen Grund, der äußerlich erkennbar gewesen wäre. Mit über100 km/h schoss der Wagen durch den Wald, bis urplötzlich eine Frau mit schwarzen langen Haaren in einem schwarzen Kleid vor der Kommissarin auftauchte. Blitzschnell und mit aller Kraft trat sie die Bremse, die Reifen blockierten kurz, dann tat das Antiblockiersystem seinen Dienst, und Johanna erhielt nicht die Bremswirkung, die sie sich erhofft hatte. Die Frau in Schwarz blieb einfach auf dem Weg stehen und würde sicher vom Auto erfasst, wenn die Kommissarin nicht das Lenkrad herum riss.

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