So ist unser Benjamin: er philosophiert so vor sich hin, hat seine Transzendentalphilosophie unter dem Arm, unter dem Kopflkissen und auch im Kopf. Aber in der SOKRATES-Welt passieren noch andere Dinge. Teil 140...

Uri Bülbül
Am deutlichsten zeigt sich das Renaissancehafte bei Boccaccio und Shakespeare. Beide Dichter führen uns gewissermaßen den „entfesselten“ Menschen vor.»* Nichts, was unter Menschen möglich ist, bleibt ausgespart. Der Mensch in allen seinen Höhen und Tiefen tritt uns besonders bei Shakespeare eindrucksvoll entgegen.»2 Es war ein bißchen zu sehr eine Schulweisheit, die Haldor da von sich gab; es war nicht falsch, entbehrte aber einer gewissen Tiefe, die Benjamin durchaus gesucht hätte. So aber sahen ihn die Goldfische im Teich kopfschüttelnd über der „Kritik der reinen Vernunft“ sitzend. Sicher gab es geistesgeschichtliche Paradigmenwechsel, die aus dem Mittelalter in die Neuzeit führten. Es gab sogar Philosophen, die die Neuzeit bei Kants Kritiken ansiedelten und nicht etwa bei Descartes „Meditationen über die Erste Philosophie“, die ihnen zu sehr nach Augustinus klangen. Aber war es eben nicht auch so, dass der Fortgang der Geschichte ebenfalls aus Kontinuitäten bestand und nicht nur aus Brüchen und Paradigmenwechsel? Und war die Renaissance wirklich eine Renaissance der verschollenen Antike? War sie im Mittelalter wirklich untergegangen und musste neu geboren auf die Weltbühne der Geistesgeschichte treten? Für Betti waren diese Fragestellungen abgehoben. Sie gingen am Leben vorbei wie Flugzeuge über Städte hinweg fliegen, und in großer Höhe keinen Einfluss auf das Leben in ihnen haben. Luisa wollte sich eingehend mit all diesen Fragen beschäftigen. Und sich überhaupt nicht mit dem Deutschunterricht der leidigen Frau Rosenberg-Kübel zufrieden geben. So erschien es ihr wichtig genau hinzuhören, was dieser Theaterphilosoph zu erzählen hatte, den sie sich irgendwie attraktiver ausgemalt hatte, als er aus der Nähe und in Wirklichkeit war, was sie allerdings nicht daran hindern sollte, ein kleines flirtendes Funkeln in den Augen zu behalten.
Ein dumpfer Schlag, ein erstickter Knall hallte durch den ganzen Hattinger Wald und ließ alle einen Bruchteil einer Sekunde lang innehalten: tief in Gedanken versunken sah Benjamin nicht wirklich auf, aber es gab einen unregelmäßigen Lidschlag, Gärtner Stein war vor seiner Waldhütte, als ihn der dumpfe Knall erreichte und ihn spontan an Rufus denken ließ, was dieser Schwachkopf wohl schon wieder angestellt haben mochte; Rufus fragte sich, ob nicht der unheimlichen Frau etwas auf den Kopf gefallen sein könnte; Schwester Maja verschrieb sich in einer Patientenkarte, was für ihre makellose Schrift Schimpf und Schande bedeutete; Zodiac glaubte sich verhört zu haben und hoffte auf einen zweiten Knall; Betti musste beunruhigt an Lara denken...
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* http://www.gutefrage.net/frage/wie-nennt-man-die-epoche-in-der-shakespeare-geschrieben-hat Antwort von Haldor am 14.03.2012.

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