Hier wie versprochen der 144. Teil des kafkASKen Fortsetzungsromans SOKRATES. Wenn man gerade im Begriff ist so etwas wie einen „Hölderlin-Komplex“ zu erfinden, dann finde ich die Frage nach der Anzahl der Leute, die diesen Roman verfolgen, wirklich unwichtig. Dankbar bin ich über jedes Interesse :)

Uri Bülbül
Unglaublich fand er das, dass die Herrschaften in diesem Präsidium sich so eine Frechheit erlaubten. Sie mussten von allen guten Geistern verlassen worden sein. Dieser Gedanke wiederholte sich in seinem Kopf immer wieder, und er kam damit nicht weiter und ein wirklicher Zeitvertreib war es auch nicht. Also war es höchste Zeit, an etwas anderes zu denken – z.B. an Dr. Albermanns Töchter. Wie lange lag die Geschichte zurück, die die jüngste Tochter Kristina Albermann, damals noch 14 Jahre alt, in ein Internat und die Mutter Martina Albermann in die Psychiatrie beförderte? Es müsste etwa fünf Jahre her sein. «Wenn ich hier raus bin, werde ich Kristina besuchen», beschloss er. Und wieder warf er einen glühend heißen Blick voller Wut auf die verschlossene Zellentür. Unfassbar! Aber andererseits musste er sich eingestehen, dass er damit hätte rechnen müssen. Denn wurde ihm in der Dienstbesprechung im Ministerium nicht gesagt, dass er es hier mit einem Augiastall zu tun hatte, den es auszumisten galt. Also wäre die logische Konsequenz gewesen, dass er vor einer Herkulesaufgabe stand. «Vielleicht habe ich die Aufgabe auch unterschätzt», begann es ihm zu dämmern. Aber er fühlte sich stark genug, sich dieser Aufgabe zu stellen.
Schwester Maja saß in ihrem Arbeitszimmer an ihrem Schreibtisch auf dem der aufgeklappte Laptop stand. Mißmutig und zynisch mit Gift und Galle betrachtete sie den Bildschirm, auf dem sie zwei Programme geöffnet hatte; das eine war ein Internetbrowser, mit dem sie ihr ask.fm-Profil bearbeitete, was sie wirklich böse stimmte und das andere war das Patientenverwaltungsprogramm der Universitätsklinik, der auch die Psycho-Villa angeschlossen war. Damit beschäftigte sie sich mit routinierter Gleichgültigkeit. Doktor Zodiac bekam alle drei Tage einen Bericht, wenn sich nichts Ungewöhnliches ereignete. In den letzten drei Tagen hatte sich nichts Ungewöhnliches ereignet, wenn man mal von einem etwas intensiveren Kommen und Gehen in der Villa absah. Aber ihrer Meinung nach bewegte sich alles im grünen Bereich. Etwas ungewöhnlich kam ihr das Verhalten des Patienten Basti vor. In Gedanken zog sie die rechte Augenbraue hoch und schüttelte leicht den Kopf über ihren eigenen Fehler! Nein, hier wurden die Menschen nicht unter „Patienten“ geführt und als solche bezeichnet, sondern sie galten als „Gäste“ der Villa. Herr Professor hatte das so eingeführt und legte besonderen Wert auf diese Sprachregelung. Zugleich aber hatte er die Software der Uniklinik, in der es eben nur so von „Patienten“ wimmelte und nicht von „Gästen“. Er hätte sich ja auch die Software einer Hotelkette holen können. Warum hatte er das nicht getan? Es war etwas albern. Aber darüber musste sie sich nicht den Kopf zerbrechen. Wichtig war, dass es auf der einen Seite SIE, die Schwester Maja, gab und auf der anderen die anderen, die vielen, diejenigen, die auf sie angewiesen waren oder sie bewunderten oder hassten. Egal.

View more