Schwere Wolken ziehen vom Sturm getrieben tief und grau über das Land, ab und an peitscht Regen an die Fensterscheibe, rauscht der Sturm durchs Geäst. Im Küchenschrank fielen übereinander gestapelte Tassen um, als würde der Sturm die Küche erreichen. SOKRATES Teil 150...

Uri Bülbül
«Können wir uns vielleicht mal ins Wohnzimmer setzen und ein wenig entspannen?» sagte Alfred Ross genervt. Moralisch brauchten ihm die beiden wirklich nicht zu kommen. «Ja, reden wir.» Hardenberg ging ins Wohnzimmer vor. «Kann ich bitte meine Dienstwaffe wieder haben?» fragte Ross kaum, dass er im Wohnzimmer in einen Sessel gefallen war. «Ich könnte Ihnen ja jetzt das Leben schwer machen», sagte Niklas, «Erst wenn Sie mir meine Waffe wieder besorgen, die mir Ihr Kollege Hoffmann Adipositas konfisziert hat. Hoffmann Adipositas ist nicht vom griechischen Europol, wenn Sie sich das nun fragen sollten! Er arbeitet in Ihrem Präsidium mit einem äußerst hellen Leuchtturm der Intelligenz namens Oberländer zusammen. Ein unvergleichlicher Armleuchter!» Alfred Ross musste lachen und dabei stellte er fest, dass sein Gesicht angeschwollen war und furchtbar schmerzte. Hermes Psychopompos unterbrach Hardenbergs Vortrag: «Er kann Ihnen aber das Leben nicht schwer machen, weil er Ihre Dienstwaffe gar nicht hat. Hier!» Damit warf der Europolizist ihm die Patronen zu. Danach legte er die Waffe auf den Wohnzimmertisch. «Sie sind wenigstens nicht so schießwütig wie Ihre Kollegin», fügte er noch hinzu. Und dann hatte er Lust weiter zu plaudern: «Auch nicht so schießwütig wie unser Freund Herr Hardenberg. Mann, Mann, Mann! Acht Schüsse in Wand und Tür! Da hätte wer weiß was passieren können!» «Verstehe nur Bahnhof», brummte Ross. «Ja, dann fragen Sie mal Ihren Kollegen Hoffmann, wenn Sie sich bei ihm wieder sehen lassen können. Mit diesem Veilchen würde ich mich wirklich erst einmal nicht im Präsidium zeigen. Das ist ein sehr ernst gemeinter Rat. Sie werden noch zum Gespött Ihrer Kollegen dort!» «Danke», brummte Ross wieder. «Was hofften Sie hier zu finden, Ross? Warum sind Sie hier?» fragte Niklas Hardenberg. Alfreds Kopf war durch den Schlag wie leer gefegt. Kurz wusste er selbst nicht mehr, warum er eigentlich zu Niklas Hardenberg gefahren war. «Ich hatte ein paar Fragen», sagte er kleinlaut. «Sie hatten? Haben Sie sie denn nicht mehr?» fragte Hardenberg lachend. Der Typ von Europol mischte sich mit einem kleinen vertrauten Abschiedsritual in die Unterhaltung ein: «Also ich gehe dann mal. Du machst das mit dem Kollegen schon, Nick. Man sieht sich.» Hardenberg sah freundlich zu dem andern hinüber. «Ja, Ross und ich regeln das schon. Danke für deinen Besuch, Herm. Wir sehen uns dann die Tage.» Und gerade als sie der Europol-Mann abwandte, sagte Hardenberg noch fast ein wenig schüchtern. «Und vielen Dank für alles.» Der Europolizist erwiderte darauf nichts mehr, sondern verließ wortlos, die Wohnung. Gerne hätte Ross gewusst, was die beiden zu besprechen gehabt hatten. Konnte es etwas Dienstliches sein, oder waren sie einfach nur privat miteinander befreundet. Und diese Freundschaft hatte Hardenberg ausgenutzt und sich als Boxer profiliert, wissend, dass ihm in dieser Situation keinerlei Gefahr drohte. Aber nun waren die beiden allein.

View more